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Als Lehrerin nach Kurdistan

„Die spielen noch miteinander, lösen Konflikte untereinander, sind den Tag lang mit den Freunden draußen und beschäftigen sich selber. Das sieht man bei uns immer weniger. Dabei ist es so wichtig.“, sagt die Essener Lehrerin Sevgi Erdem. Sie steht auf dem Dach des Our-Bridge-Bildungszentrums am Lake Mossul und blickt auf das jesidische Flüchtlingskamp Khanke. Im Camp leben circa 30.000 Menschen, die vor der Terrororganisation Islamischer Staat fliehen mussten. Viele sind seit 2014 hier. Nur die wenigsten kehren in ihre Heimat Shingal zurück. Die Lage dort ist kompliziert: Die irakische Armee, schiitische Milizen, sowie die PKK streiten sich dort um die Kontrolle über die Stadt. Khanke liegt im sicheren Kurdistan-Irak, welches über eine eigene Regierung und eine eigene Armee (Peschmerga) verfügt. Hier können die Leute sicher leben – wenn auch nur im Camp. 

Sevgi unterrichtet in Deutschland an einer Hauptschule. „Da sieht man wie wichtig es ist, Menschen zu motivieren, sie ernst zu nehmen und ihnen mit Respekt zu begegnen.“, sagt sie. In Deutschland wird Hauptschule weiterhin von vielen als ein Manko gesehen. Es haftet an den Schülerinnen und Schülern und begleitet sie über Jahre. Dadurch geben sich viele selbst auf. Sie bereiten sich schon mal auf ein Leben mit Hartz IV oder mit Aushilfsjobs vor. Selbst ihre Lehrkräfte haben teilweise kapituliert und verwalten nur noch die Missstände der deutschen Bildungspolitik, statt zu motivieren. „Das ist anstrengend. Aber man bekommt auch viel zurück.“, so Segvi. Ihr sind ihre Schülerinnen und Schüler sehr wichtig. Sie möchte denen, die gerne vergessen werden, eine Chance geben, sie fördern, ihnen helfen und Perspektiven aufzeigen. „Deswegen wollte ich schon lange mit den Kindern aus dem Camp arbeiten. Jetzt hat es endlich geklappt“. Weiterhin haftet ihr Blick an den Camp-Kindern, welche sich auf dem Hügel gegenüber hin und her jagen und dabei einer Schafherde ausweichen müssen. 

Im Our-Bridge-Bildungszentrum lernen mehr als 300 Schülerinnen und Schüler lesen, schreiben, rechnen aber auch den Umgang mit Computern und Nähmaschinen. Morgens müssen sie sich die Zähne putzen; Wenn die Duschen im Camp zu kalt oder defekt sind, können sie sich hier duschen und Wäsche waschen. Es ist weit mehr als eine Schule. Es ist ein Ort, der nur für diese Kinder da ist. Alles dreht sich um sie, alle Aspekte ihres Lebens werden berücksichtigt. Es gibt einen großen Spielplatz, einen Verkehrsübungsplatz, auf dem  sie das Fahrradfahren üben können, sowie ein warmes Mittagessen an jedem Schultag.

Paruar Bako startete das Projekt im Alter von achtzehn Jahren, nachdem er das Leid der Leute im Fernsehen sah und helfen wollte. Das Team besteht teils aus Lehrerinnen und Lehrern, teils auch aus angelernten Mitarbeitenden aus anderen Bereichen. Hier sind gut ausgebildete und motivierte Kräfte wie Sevgi wichtig. Sie sollen darauf achten, dass alles strukturiert bleibt, dass ein klarer Lehrplan geschrieben und eingehalten wird und dass die Regeln für die Notenvergabe eindeutig sind.

Die Arbeit mit den oft schwer traumatisierten Kindern ist schwer. Selbst für die Psychologen vor Ort ist es immer wieder neues Terrain. Inzwischen besuchen die ersten Kinder, die im Camp geboren sind und kein anderes Leben kennen, das Bildungszentrum. Mit ihnen arbeiten bringt einem kein Ruhm, kein Geld, keinen Applaus, aber viele schlaflose Nächte. 

„Das wird viel Arbeit, aber die Kinder hier sind es einfach wert“, fasst Sevgi die Lage zusammen und macht sich wieder an die Arbeit. 

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