• 4. Dezember 2020 9:59

Bulletproof Journalism – Ausrüstung für Kriegsberichterstatter

Okt 23, 2020

„Sorry für die späte Störung. Klaus meinte, Du kannst mir ggf. eine schußsichere Weste und einen Helm leihen? Ich fliege morgen nach Armenien“ – solche Nachrichten sind wir gewohnt. Aber es werden jedes Jahr mehr. Journalisten gehen in Kriegsgebiete, haben eigentlich wenig Erfahrung und vor allem keine Ausrüstung. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kein Geld für eigene Ausrüstung,  noch nie in so einer Gegend gewesen, einfach nicht dran gedacht. Nur die wenigsten Redaktionen haben heute noch solche Ausrüstung vorrätig, das Wissen darüber ist gering und am Ende geht es um den eigenen Tod, um Gewalt, um Krieg. Viele Menschen möchten da gar nicht im Detail darüber nachdenken. Denkt man mehr drüber nach und löst sich von dem persönlichen Hintergrund, dann ist es Physik, die man verstehen muss. Das hatten wir schon im Artikel zur Zertifizierung von gepanzerten (eigentlich „sondergeschützten“) Fahrzeugen erklärt.

Hier im Büro tummeln sich Leute, die schon vor 50 Jahren in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs waren: Kurdistan, Ruanda, Nordirland, Yemen, Irak, Syrien. Die Westen auf dem Foto haben schon mehr Gegenden gesehen. Alleine in diesem Jahr waren einige davon im Einsatz rund um die Welt. Wir bekommen von den Neulingen immer die gleichen Fragen gestellt: Ist das sicher? Und wie funktioniert das? 

Auf dem Bild sieht es nach einer bunten Mischung von Ausrüstung aus und das kommt hin. Es ist eine historisch gewachsene und immer wieder überholte Sammlung von persönlicher Schutzausrüstung. So eine Weste bestehen aus drei Teilen: Der Hülle, der Weichballistik und der Hartballistik (den „Platten“). Die Hülle ist an sich ein Stück Stoff, welches die eigentlich schützenden Teile hält. Dies kann sehr dünn und simpel sein oder selber über etliche funktionale Hilfen, wie Taschen, schweißabweisenden Stoff oder anderes verfügen. Die Weichballistik wird in die Hülle gesteckt und schützt vor kleineren Projektilen, z.b. aus Pistolen. Meist deckt sie alles ab, was die Hülle auch abdeckt. Auf die Weichballistik werden vorne und hinten die Platten geschoben – in seltenen Fällen auch an die Seite. Diese Platten sind etwa DIN A4 groß, die an den Seiten nur DIN A6 groß. Diese halten auch größere Projektile aus Gewehren ab. Was welche Ballistik genau abhält, ist schwer zu sagen. Es gibt die Schutzklassen SK 1-4 (alt) und die VPAM 1-14 (neu), die festlegen, welche Belastung die Ausrüstung abhält. SK1 oder VPAM 2 hält Pistolen bis 9mm ab, also normales urbanes Umfeld. Eine typische Klasse für Personenschützer oder Polizei. Die Platten sind SK3 oder SK4 bzw. VPAM6 oder höher. Diese halten einige Schüsse aus einer Kalaschnikow, dem G36 oder einem M16 ab. Beim Aufprall des Projektils bricht die Platte und splittert. Die Splitter werden von der Weichballistik darunter abgefangen – wenn alles gut geht. Es gibt auch „Standalone“-Platten, welche man ohne Weichballistik tragen kann. Dafür sind sie schwerer und dicker. Trotz Weste kann man Verletzungen davontragen, da sich die Wucht des Aufschlages auf den eigenen Körper überträgt. Dies kann von einfachen Prellungen bis zu gebrochenen Rippen gehen. In seltenen Fällen können auch Splitter der Platte in den Körper eindringen. Was so eine Platte hält, ist aber von der Entfernung zum Schützen, dem Winkel, der verwendeten Munition und vielem mehr abhängig.

Die Helme halten im Normalfall weniger und in den meisten Fällen ist das Gesicht und der Hals ungeschützt. Auf dem Foto sieht man ein Helm-System, welches auch dem Kiefer und dem Gesicht einigermaßen Schutz bietet. Diese sind in der Praxis aber selten zu sehen. Auch Gasmasken werden wenig benutzt. Der letzte flächendeckende Einsatz war bei der Operation „Desert Storm“ gegen Saddam Hussein. 

Zu guter Letzt muss alles zusammen passen: Kollidiert der Helm mit dem Kragen der Weste? Passt die Gasmaske unter den Helm? Passt die Kamera neben den Helm? Wo packe ich mein Handy hin? In vielen Fällen bleibt kaum mehr als ein ausführliches Telefonat und die Hoffnung, dass nicht viel passiert. Dann wird das passende Set per Express zur jeweiligen Person verfrachtet, manchmal auch direkt am Flughafen übergeben. Die Leute bedanken sich, versprechen sich bald eigene Ausrüstung zu kaufen und sich die Sache selber genauer anzusehen. Auch das sind wir gewohnt. Es ist etwa so verlässlich wie die Beteuerung sich ab nun die Zähne ordentlich zu putzen, wenn man gerade beim Zahnarzt sitzt. 

Viele Leute gehen wieder und wieder schlecht vorbereitet in solche Gegenden. In der Praxis ist das überraschend selten ein Problem. Die Amerikaner sagen dazu „War is boring – until it’s not“ (Krieg ist langweilig – bis er es nicht mehr ist). Nach einigen Wochen kommt die Ausrüstung zurück und das Ganze geht von vorne los.

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