FlüchtlingeKurdistan

Das syrische Flüchtlingscamp in Kurdistan

In Kurdistan-Irak, nahe der syrischen Grenze, besuchte ich ein syrisches Flüchtlingscamp. Die kurdische Regierung unterstützte mich bei dieser Reise sehr umfangreich und ermöglichte mir weitgehende Einblicke in die Flüchtlingspolitik.

Doris Camp bei Dohuk

Das Camp wurde bekannt, als es vor Kurzem von Angelina Jolie besucht wurde. Ban Ki-Moon war zwar in der Gegend, kam aber nicht vorbei. Das Camp grenzt inzwischen fast an den nächsten Ort, ist also gut zu finden. Als erstes fällt einem auf, dass das Gelände zwar umzäunt ist, man aber relativ frei rein und raus kann. Mit unserem Wagen kamen wir problemlos rein. Am Eingang stehen Leute mit kleinen Ständen und verkaufen Obst, Gemüse, Zigaretten und Handykarten. Viele sehen übernächtigt aus. Aber man sieht keine offensichtlich unversorgten Verletzungen. Trotz des Regens und des nassen Bodens hört man kein übermäßiges Husten oder Nießen, die Kleidung sieht oft gespendet und durcheinander, aber grundsätzlich vollständig und intakt aus.

Alles keine Selbstverständlichkeiten. Mit dem Leiter des Camps Niyaz Noori Bamarny sollte ein Termin ausgemacht sein, ob’s geklappt hat, war unklar. Er sitzt in einem Container-Büro, das auf etwa 30qm zwei Toiletten und drei Büros beherbergt. Davor Trauben von Menschen, oft mit UNHCR Papieren oder ähnlichem, die rein wollen. Sofort halten mir Leute ihre Papiere hin und sprechen mich mit „Hello“ an. In dem Gedränge zu erklären, dass man nicht helfen kann, bringt nicht viel, außerdem wurde ich weiter nach vorne geschoben, um zur Tür zu kommen. Mein Begleiter blieb ganz dicht an mir. Nicht, weil es gefährlich ist, sondern weil man sich sonst auf den zehn Metern verliert.

In solchen Camps kenne ich es oft so, dass man als Nicht-Einheimischer direkt in Büros usw. durchgelassen wird, weil man schon irgendwie wichtig ist. Hier nicht. An der Tür stand (von innen) ein Polizist, der erstmal wissen wollte, warum und was wir wollten. Das fand ich bemerkenswert – gleiches Recht für alle. Wir wurden rein gelassen. In dem kleinen und spartanisch ausgestatteten Büro saßen bereits vier englischsprachige Leute, die mit dem Campleiter Niyaz Noori Bamarny via Dolmetscher redeten. Sie stellten fast alle Fragen, die ich auch hatte. So langsam verstand ich, warum die Terminvereinbarung unklar war. Dauernd wollen Leute etwas von ihm, er muss ein Formular nach dem anderen unterschreiben, dabei Interviews geben und wichtige Telefonate annehmen. Als ich dran war, bedankte ich mich nur für die Möglichkeit dort zu sein, alle Infos hatte ich bereits gehört und machte noch ein Foto des Sat-Fotos des Camps. Dann machte ich Platz für die fünf Leute, die inzwischen hinter mir warteten. Der Weg raus ging wieder durch die Menge der aufgeregten Menschen, die noch ihre Anliegen vorbringen mussten.

In solchen Camps kenne ich es oft so, dass man als Nicht-Einheimischer direkt in Büros usw. durchgelassen wird, weil man schon irgendwie wichtig ist. Hier nicht. An der Tür stand (von innen) ein Polizist, der erstmal wissen wollte, warum und was wir wollten. Das fand ich bemerkenswert – gleiches Recht für alle. Wir wurden rein gelassen. In dem kleinen und spartanisch ausgestatteten Büro saßen bereits vier englischsprachige Leute, die mit dem Campleiter via Dolmetscher redeten. Sie stellten fast alle Fragen, die ich auch hatte. So langsam verstand ich, warum die Terminvereinbarung unklar war. Dauernd wollen Leute etwas von ihm, er muss ein Formular nach dem anderen unterschreiben, dabei Interviews geben und wichtige Telefonate annehmen. Als ich dran war, bedankte ich mich nur für die Möglichkeit dort zu sein, alle Infos hatte ich bereits gehört und machte noch ein Foto des Sat-Fotos des Camps. Dann machte ich Platz für die fünf Leute, die inzwischen hinter mir warteten. Mir wurde zugesagt, dass ich mich mit Begleitung frei auf dem Camp bewegen und alles fotografieren kann. Der Weg raus ging wieder durch die Menge der aufgeregten Menschen, die noch ihre Anliegen vorbringen mussten.

Draußen lief ich etwas langsamer als mein Begleiter und blieb so ein paar Meter zurück, als wir einen Wachmann passierten. Er sprach mich sofort an, was ich da mache und warum. Als ich sagte, ich sei Deutscher, mache Fotos und sei zu Gast, begann er auf deutsch mit mir zu reden. Aber er wollte immer noch ganz genau wissen, was und für wen, wieso jetzt hier. Mein Begleiter erklärte alles genau. Man scheint hier also wirklich auf seine Leute zu achten.

Das Camp selber steht auf matschigem Boden, ich sackte an einer Stelle direkt bis über den Knöchel ein. Im Normalfall bewohnt eine Familie ein Zelt. Sie haben oft Strom, nicht wenige haben Satelliten TV. Es gibt relativ viele sehr einfache Toiletten und viele Wasserspender. In den Zelten haben die Flüchtlinge einfache Matratzen, Decken, Kleidung, Essen, Wasserflaschen, selten persönliche Gegenstände. Die Grundversorgung klappt also durchgehend. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass sie ausreichend medizinisch versorgt werden, genug zu essen haben, raus können und es auch Einrichtungen für die Kinder zum Spielen gibt. Es gibt auch die Möglichkeit, im Camp seinem (alten) Job nachzugehen. So traf ich einen Schuster, in einem Container gibt’s einen Friseur, kleine Essensbuden und für mich ganz abgefahren: Einen kleinen Handyladen mit diversen Modellen, Prepaid-Karten usw.

Gleichzeitig sind diese kleinen Läden auch Orte, an denen mehr Leute sich treffen und reden. Sie lächeln einen an, sprechen einen auf Englisch an, sprechen es oft aber nur wenig, daher muss der Dolmetscher viel übersetzen. Die meisten konnten wenigstens aus Syrien fliehen, ohne dass man ihnen das Leben schwer machte. Dass die Kurden auf der anderen Seite der Grenze helfen, war den meisten bekannt; dass es Lager gibt, wussten sie auch grob. Dann wurden sie an den Grenzen in die richtige Richtung geschickt. Ob sie selber Kurden oder Araber sind, ist dabei egal. Es werden alle gleich aufgenommen. Eine Familie erzählte mir, dass sie auf dem Weg durch Syrien von Leuten ausgeraubt wurden und dass das immer wieder vorkommt. Man fragt sich dann, was man den Leuten noch rauben kann. Sie sagten: Einfache Dinge wie den letzten Schmuck, Besteck, Essen.

Ein Besitzer eines kleinen Obststandes erzählte, er habe schon in Syrien Obst verkauft, aber er habe immer den Kopf einziehen müssen, wenn Assads Soldaten vorbeikamen. Hier kann er erhobenen Hauptes handeln, wenn auch nur im Flüchtlingscamp. Er darf sich zwar im Land frei bewegen, kennt aber niemanden, zu dem er gehen könnte. Also bleibt er, wie so viele, im Camp.

Die Kinder des Camps können die lokale Schule besuchen. Ein paar von ihnen kamen gerade von der Schule. Sie lernen dort grundlegende Dinge und freuen sich, weil es Abwechselung und Normalität in das triste Leben im Camp bringt. Ein paar jüngere Kinder fragten mich, ob ich auch vor dem Krieg geflohen sei. Als ich das verneinte und erklärte, dass ich freiwillig da bin, guckten sie etwas kritisch und fragten, warum man freiwillig da ist, wenn man doch gehen kann.

Das Camp wird dauernd erweitert und wächst in verschiedene Richtungen. Die Flüchtlinge haben keine Auflagen, nach einer bestimmten Zeit das Land wieder zu verlassen – alle dürfen bleiben. Da die Regierung davon ausgeht, dass viele bleiben entstehen, nach und nach einfache gemauerte Gebäude, etwa auf dem Niveau von Schrebergartenhäuschen. Aber immerhin hat man so ordentlichen Schutz vor Wind und Wetter und es gibt einem eine Perspektive.

Insgesamt machen viele Leute einen relativ entspannten und fröhlichen Eindruck. Die Situation ist nicht gut, aber sie haben den Krieg hinter sich gelassen und wissen, dass sie sich hier eine neue Zukunft aufbauen können.

Gegen Ende des Besuches gab ich noch die Spielsachen, die mein Unternehmen spendete, in der Kinderbetreuung ab. Wegen des begrenzten Fluggepäcks waren es nur einige Aufzieh-Trabbis und ein paar Teddies. Aber in einem solchen Camp kann man auch mit diesen Dingen Kinderaugen zum Leuchten bringen. Ein sehr kleiner Beitrag – aber die Devise heißt immer noch „Alles was hilft!“

Gespräch mit dem Generalsekretär der PDK

In der Parteizentrale der PDK traf ich den Generalsekretär Fazil Mirani. Wir sprachen über die politische Entwicklung im Land und den möglichen Beitritt der Türkei zur EU. Einen sehr interessanten Punkt zum Beitritt hatte ich bisher gar nicht bedacht: Kurdistan wäre dann EU-Anrainer. Der EU-Beitritt würde sich vermutlich positiv auf die politische und wirtschaftliche Lage Kurdistans auswirken. Auch erhielt ich einen Einblick in aktuelle politische Probleme. Besonders beeindruckte mich Fazil Mirani mit der Aussage, auch als Politiker müsse man in der Lage sein, die Geschäfte an die neue Generation zu übergeben. So wie sie einst ihm übergeben wurde. Die Jungen kommen, die Alten beraten, das ist der Lauf der Dinge. Klingt simpel und schlüssig, hat mich aber sehr beeindruckt, dass man das nach so langer Arbeit als Politiker so sagen kann. Insgesamt machte er auf mich einen sehr offenen und zukunftsgewandten Eindruck. Da die Terminplanung recht eng war, konnten wir diesmal nicht über Details sprechen, aber für einen ersten Eindruck hat es gut gereicht.

Gespräch mit dem Gouverneur von Duhok

Das Domez Camp liegt im Distrikt Duhok, der an die Türkei und Syrien grenzt. Der Gouveneur Tamar Fattah empfing mich, um mit mit über die Piratenpartei Deutschland und die syrischen Flüchtlinge zu sprechen. Zunächst musste ich, wie so oft, erklären, wie eine Partei zu einem solchen Namen kommt. Dann kurz die Entwicklung der Partei und wie man von Filesharing in Schweden auf kurdische Flüchtlingspolitik kommt. Anschließend sprach ich das Thema der Unterstützung Saddams durch die deutschen Unternehmen an. Sie bauten große Teile des Chemiewaffenprogramms, halfen dem Saddam-Regime, Tausende zu ermorden, strichen das Geld ein und wurden nicht zur Verantwortung gezogen. Weder rechtlich noch moralisch gab es ernstzunehmende Folgen. Einige der Logos lachen mich immer noch bei den diversen Großbaustellen in Deutschland an.
Beim Gespräch war auch der Leiter des „Development & Modification Center“ dabei, der für das Camp zuständig ist. Es war ursprünglich für 1.500 Menschen geplant, doch derzeit sind schon fast 70.000 Menschen im Camp. Es kommen täglich 200-800 neue Leute an, die erfasst und versorgt werden müssen. Sie erhalten anschließend volle Bewegungs- und Arbeitsfreiheit in Kurdistan. Das fand ich beeindruckend.

Diese Reise hat mir wieder bestätigt, wie wichtig es ist, sich Dinge wie ein Flüchtlingscamp vor Ort anzusehen und das persönliche Gespräch zu suchen. Ich wurde zu diversen weiteren Gesprächen eingeladen, für  die ich erneut nach Kurdistan reisen werde. Ich werde auch wiederkommen, um zu sehen, wie sich dieses Camp entwickelt. Ich hoffe, in anderen Krisengebieten der Welt das Gleiche tun zu können.

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