Der Papstbesuch in Kurdistan

Der Papst reiste in den Irak und die Autonome Region Kurdistan im Norden des Landes. Dabei besuchte er unter anderem Bagdad, Mossul, sowie die kurdische Hauptstadt Erbil. Mossul ist bis heute in weiten Teilen zerstört. Es wird von schiitischen Milizen kontrolliert, welche ihre Befehle aus dem Iran erhalten. Ohne deren Erlaubnis kann sich dort kein normaler Mensch bewegen. Bagdad wurde seit dem letzten Krieg wieder aufgebaut, doch bis heute stehen dort Panzer und Flugabwehr herum. Die kurdische Stadt Erbil hat sich seit dem Sturz des Saddam-Regimes gut entwickelt, ist friedlich und sehr sicher – jedoch gab es auch hier vor kurzem einen Raketenangriff auf den Luftwaffenstützpunkt der US-geführten Koalition. Doch auch von diesem erholte sich die Stadt binnen eines Tages.

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Erbil wartet auf den Papst

Drei Städte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten und die gut zeigen, welche drei Mächte hier konkurrieren und wie gespalten das Land bis heute ist. Auch wegen der gewalttätigen Vergangenheit gibt der Besuch des Papstes den Leuten Hoffnung. Er soll Frieden und Sicherheit bringen –wenn auch nur im Geiste, und nicht sofort im ganzen Land.

Durch viele Gespräche vor Ort wird klar, wie wichtig dieses Ereignis für Millionen Menschen ist. Nicht nur für die Christen, nicht nur für die Katholiken. Auf der anderen Seite hatten alle Mächtigen im Land, bis hin zu den Iran-gesteuerten Milizen, erklärt, die Waffen in dieser Zeit ruhen zu lassen. Die Erklärung war schon überraschend – dass sie sich dran hielten, noch mehr.

Friedliches Zusammenleben als Tradition

Die Ruine der Synagoge in Barzan

Bereits vor dem Besuch freuten sich alle. Der Papst, eine zweifelsohne bedeutende Person, besucht den Irak und Kurdistan. Das war vielen Menschen sehr wichtig. Nicht „nur“ Bagdad sehen, sondern auch den Teil des Iraks, der eine eigene Regierung, eine eigene Sprache und eine eigene Armee hat und welcher seit langem Schutz für religiöse Minderheiten bietet. Das Zusammenleben der Religionen ist hier so wichtig, dass es hierfür ein eigenes Ministerium gibt, das „ministry of endowment and religious affairs.“ Die Mehrheit der Kurden sind sunnitische Moslems. Doch neben diesen findet man unter anderem schiitische Moslems, Aleviten, Jesiden, Kakai, Zoroastrier, Juden und eben verschiedene christliche Religionen. Alle haben ihre Begegnungsstätten, alle können ihre Religion ausleben und es ist nicht üblich, sich über die Religion der anderen, deren Kleidung, Bräuche oder Namen lustig zu machen. Das friedliche Zusammenleben hat hier Tradition. Bereits vor hunderten Jahren gründeten in Barzan sieben Stämme die Föderation der Barzani, in der alle friedlich zusammenleben sollten. In Barzan stehen bis heute die Ruinen einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee Seite an Seite.

Im jesidischen Camp

Kinder spielen im Camp nahe der syrischen Grenze

Wochenlang freuten sich die Menschen auf den Besuch. Dabei war es nicht wichtig, welcher Religion sie angehören. Jemand wichtiges nimmt sich Zeit, um die Region zu sehen. Als Angelina Jolie vor einigen Jahren die Flüchtlingscamps besuchte, war auch nicht relevant, ob man ihre Filme mag.

Selbst in den Flüchtlingscamps weiter weg war der Besuch ein Thema. Nahe der syrischen Grenze erklärte mir Xoxe, eine 25-jährige Jesidin: „Wir werden uns den Besuch im Fernsehen ansehen. Es ist schön, dass so eine wichtige Person vorbeikommt. Ich hoffe, dass es der Region hilft. Die Welt vergisst uns immer wieder und so sehen sie ab und zu hin. Das kann nie schaden. Ich freue mich auch für die Christen – für die muss es ein unglaubliches Erlebnis sein.“ Der Dialog mit einem Jungen ein paar Zelte weiter nahm eine andere Wendung. Auf die Frage, was er vom Papstbesuch halte, antwortete dieser „Wer? Ein Freund von dir!? Ich kann meine Mutter fragen, ob er bei uns pennen kann.“

Der Mutter war die Situation etwas unangenehm. Doch warum sollte einem das unangenehm sein? Wie viele Deutsche wissen wohl, wer Bavê Şêx ist? Auf der anderen Seite zeigt es, wie tief Gastfreundschaft in dieser Kultur verwurzelt ist. Das Erste, was dem Kind einfällt, ist, einem Fremden einen Schlafplatz anzubieten. Dabei hat es selber sein gesamtes Leben in einem Zelt in einem Camp verbracht und wenig Gastfreundschaft vom Rest der Welt erfahren. Auf den Straßen von der syrischen Grenze bis zur Hauptstadt Erbil stehen immer wieder Schilder, welche den Papst willkommen heißen – auch wenn er sie nie sehen wird. Die Leute wollen einfach ihre Sympathie ausdrücken.

Christliche Community

In Erbils christlichem Stadtteil fallen in erster Linie Kirchen und Geschäfte für Alkohol auf. Zwar ist der Alkoholverkauf sonst nicht verboten, aber in den anderen Gegenden gibts einfach zu wenig Abnehmer. Hier gibt es mehr Leute, die einem guten Rioja oder einem Tannenzäpfle Bier nicht abgeneigt sind. Auch, weil in diesem Stadtteil viele internationale Organisationen ihre Büros haben.

Nach und nach wurden die Straßen und Gebäude geschmückt. An Hochhäusern in Erbil hingen teilweise 30 Meter hohe Banner, die den Papst begrüßten, die Werbedisplays auf den Straßen zeigten den Papst und riefen zu Frieden und Zusammenhalt auf, die christlichen Einrichtungen organisierten den Besuch anderer Christen.

In der katholischen Universität in Erbil wurde die Akkreditierung für viele der Besucherinnen und Besucher des Stadions durchgeführt. Hier sitzen junge Freiwillige, die einem in exzellentem Englisch helfen und auch erstmal etwas zu essen und einen Schlafplatz anbieten, bevor man dazu kommt, sich vorzustellen. Die Frage ob man gläubig, religiös oder gar in einer Kirche ist, stellt hingegen niemand.

„Wir haben seit Monaten echt viel zu tun, aber es macht auch sehr viel Spaß. Das Team ist super, die Leute freuen sich und es läuft alles gut. Für uns ist das der wichtigste Moment unseres Lebens. Einmalig. Wobei der Begriff „einmalig“ heute so abgenutzt ist. Wir meinen wirklich einmalig“, erzählt mir Jyhan, eine der freiwilligen Helferinnen hier.

Das Stadion

Das große Event, zu dem zehntausend Gäste eingeladen wurden, fand in Erbils Franso-Hariri-Stadion statt, in dem sonst die großen Fußballspiele ausgetragen werden. Für die Journalisten begann der Tag schon früh mit etlichen Sicherheitschecks. Überraschend detailliert. Man musste jedes Elektrogerät einschalten, um zu zeigen, dass es keine Attrappe mit einer Bombe ist. Selbst das Portemonnaie wurde grob nach Messern durchsucht, alle abgetastet. Die Pizza durfte mit rein, wurde aber durch den Metalldetektor geschoben. Rund hundert lokale und ausländische Journalistinnen und Journalisten wurden in einem Konvoi von Bussen durch die Stadt eskortiert, um sich dann auf zwei Podesten auf der Rasenfläche einzufinden. Über dem Stadion kreisten drei identische Helikopter mit Schützen, um das Stadion herum sicherte die Antiterroreinheit der Peschmerga alles. Ein selten großes Aufgebot. Zuletzt gab es das während der Rede des Präsidenten zum Kurdistan Referendum 2017.

Die Einweisung des Vatikans war knapp: „Fotografiert, was ihr mögt, aber verhaltet euch respektvoll. Ihr werdet das schon kennen.“ – In dieser Gegend ist es wesentlich einfacher, als in Deutschland. Üblicherweise freuen sich die Menschen darüber, fotografiert zu werden – auch wenn sie nicht wirklich wissen, von wem oder wofür. Im Stadion waren nicht nur Christen, sondern unter anderem auch Jesiden und Kakai anzutreffen. „Das ist ein historischer Moment und mein Nachbar wollte hin. Aber er ist nicht mehr gut zu Fuß, er wird dieses Jahr neunzig. Also habe ich ihn gefahren und komme mit“, sagt ein Kakai und deutet auf den Mann neben ihm. „Aber ich lasse mich hier nicht segnen. Wer weiß, was dann bei den Christen kaputtgeht“, scherzt er. Solche kleinen Späße kann man in dieser offenen Gesellschaft problemlos machen.

Der Ablauf im Stadion wird in weiten Teilen von Freiwilligen organisiert. Diese sind oft jung, gut gebildet und hilfsbereit. Viele sprechen sehr gut Englisch und sind gut gelaunt.

„Das ist der wichtigste Moment in unserem Leben. Hier ist das Land Abrahams und der Papst besucht es zum ersten Mal. Wir dürfen diesen Moment miterleben. Er sendet damit eine Nachricht der Hoffnung und des Friedens in die ganze Welt“, sagt eine junge Dame, die sichtlich bewegt ist.

Gerade die Worte „Hoffnung“ und „Friede“ fallen sehr oft. Das sind jedoch keine Floskeln, sondern die wichtigsten Wünsche der Menschen hier. Am Rande des Spielfeldes sitzt eine Gruppe Freiwilliger, die gerade Pause macht. „Du verbrennst doch gleich! Komm mal zu uns in den Schatten und kühl ab“, lädt mich einer von ihnen ein und hält mir eine gekühlte Cola hin. Nach mehreren Stunden in praller Hitze sieht dies für mich nicht nach einer Blechdose aus, sondern nach einer hell erleuchteten Oase mitten in der unendlichen Wüste. Wir beginnen, uns über all diese Dinge zu unterhalten. Warum sind Frieden und Hoffnung hier so relevant und in der EU eher zu Floskeln für Grußkarten verkommen?

„Hast du in deinem Leben Freunde oder Familie verloren? Also nicht durch Alter oder einen Autounfall. Sondern durch Krieg, Terror oder ähnliches?“ In der Tat habe ich das. Viele, vermutlich Dutzende. Aber alle in Ruanda oder in Kurdistan. Nicht einen in der EU. „Das meine ich. Wie soll ein normaler Mensch bei euch das Leid verstehen? Das ist nicht abwertend gemeint. Aber sie verstehen es einfach nicht. Viele machen sich auch über den Besuch des Papstes bei uns lustig. Ich verstehe nicht mal, was sie davon haben?“ Auch hier muss ich ihm leider recht geben.

Die Hälfte der Kommentare auf meinen Socialmedia-Kanälen sind „hahahaha ‚pope in kurdistan‘ wie Popeln! Hahaha Popeln! Verstehst du?“ Andere kommentieren, dass ein Mönch doch eher mit dem Massenmörder Osama bin Laden zu vergleichen sei. Die Leute meinen, sie seien gebildet und weltoffen. So gebildet, dass sie sich über Glauben lustig machen, wenn sie ihn nicht verstehen und so weltoffen, dass ihr Abstraktionsvermögen nicht über „Bart = Massenmörder“ hinausgeht. Diese Unfähigkeit, die Welt außerhalb der EU wahrzunehmen, ist ein Privileg, welches nur wenige Menschen in der Welt genießen.

„Ich habe keine Ahnung, warum die so sind und es tut mir echt leid“, erkläre ich der Gruppe. „Darf ich fragen, ob ihr Leute verloren habt? Vermutlich durch Anfal (Saddams Programm zur Ausrottung der Kurden) oder den IS?“ Alle in der Runde heben die Hand – manche beide, einer den Fuß dazu „IS, Anfal und Barzani-Anfal“ erklärt er. Dreimal Familienmitglieder an Terroristen verloren, etwa seit dem Mauerfall in Berlin. „Auch welche aus der direkten Familie, also Eltern, Geschwister?“ – Alle gucken irritiert. „Ja, wir dachten, darum geht es. Wenn die anderen dazu zählen, muss das ganze Stadion die Hand heben. Deswegen wollen wir Frieden. Also keine Geschwister mehr beerdigen. Nicht mehr unseren Cousinen helfen, weil der Vater erschossen wurde. Der Glaube und die Gemeinschaft helfen uns dabei. Einfach zusammenhalten. Über Probleme offen sprechen können. Stark sein.“ Mir fällt in diesen Runden immer wieder auf, wie schwierig es ist, ernsthafte Gespräche über seine Gedanken, Wünsche und Probleme mit vielen Menschen in Deutschland zu führen. Alles, was über Gangster-Rap, Popeln und Topmodels hinausgeht, übersteigt den Horizont weiter Teile der Gesellschaft. Hier in Kurdistan ist die Bildung im Schnitt schlechter, der Respekt gegenüber anderen und die Fähigkeit ein Gespräch zu führen, aber besser.

„Aber die Zeiten sind gerade vorbei. Die Sonne scheint. Wir haben kalte Getränke. Wir gucken in die Zukunft. Sie studiert Petrol Engineering – also wie man komprimierte Dinosaurier ausgräbt, er ist Englischlehrer und er studiert Luft- und Raumfahrt und will zur ESA“. Nach vorne blicken, weiter machen. Darum geht es. Ich bedanke mich und setze meine Runde fort.

Eine Gruppe älterer Nonnen tanzt und singt und lädt mich ein, mitzumachen. Eine der wenigen Dinge, die ich ablehne, da mein nicht vorhandenes Taktgefühl ein Lasttest für Vergebung sein würde. Aber auch sie halten nicht zu lange durch und fragen mich, wo ich herkomme und was ich hier mache. Sie freuen sich über so viele „junge“ Menschen wie mich und auch, dass so viele Journalisten erschienen sind. „Das Wort Gottes sollte alle erreichen.“ Ich erkläre ihnen, dass ich das leider nicht teilen werde. Mit Kirchen habe ich wenig zu tun, mit Religion und Glaube kann ich mehr anfangen. Die Damen gehören zu einer Gruppe, die sich „Peacemaker“ nennt, angelehnt an die Friedensbringer in der Bibel. Sie bereisen die Welt und versuchen, das Leben der Menschen dort besser zu machen. Einige von ihnen haben mehr als fünfzig Länder gesehen und  viele reisen heute noch. Sie machen kleine Projekte, die aus direkten Spenden finanziert sind. Meist geht es um Bildung, welche gerne auch mit christlichem Einfluss vermittelt wird. So ist das Standardwerk zum Lesen lernen die Bibel. Aber am Ende können alle lesen und vielleicht hat das Wort Gottes ein paar neue Leute erreicht. Ein Gewinn für alle Beteiligten.

Der Papst kommt

Als der Papst mit dem „Papamobil“ in das Stadion einfährt, springen die Leute von den Plätzen. Sie rufen, singen, schreien, wedeln mit Fahnen und machen Fotos. Der Papst winkt routiniert zurück. An mir fährt er mit nur wenigen Metern Abstand vorbei. Wir sind nur durch einen temporären, ein Meter hohen Zaun getrennt. Zu den Zuschauern gibt es einen etwas höheren Zaun mit Durchgängen. Von der Rasenfläche aus kann man teilweise direkt zu ihm. Die einzigen sichtbaren Soldaten im Stadion sind unbewaffnete polnische Soldaten, welche selber nur als Besucher dort sind. Man sieht ein paar Personenschützer, ein paar Polizisten. Das war es. Aber niemand kommt auf die Idee, Blödsinn zu machen. Kein Kritiker wirft eine Flasche, niemand hat einen „lustigen“ Anti-Kirchen Banner dabei. Wer den Papst nicht sehen will, bleibt einfach zu Hause.

Der Papst hält seine Messe in mehreren Sprachen ab und wird dabei von anderen Geistlichen unterstützt.  In den Gesichtern der Zuschauer sieht man, wie bewegt und glücklich sie sind und wie viel Hoffnung und Kraft ihnen dieser Besuch gibt. Und das ist das Entscheidende. Nicht, ob man den Papst als Person oder als Amt mag oder auch nicht, ob man Christ ist oder in einer Kirche. Es geht darum, dass diesen Menschen in dieser von Krieg gezeichneten Region wieder die Hoffnung auf Frieden gegeben wird.

Der Papst hat es durch seine Anwesenheit bereits geschafft, dass Terroristen versprechen, eine Pause zu machen. Warum sollen die  Leute dann nicht Hoffnung auf mehr Frieden haben?

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