In der Realität werden Kriege nicht durch Heldenmut und große Reden, sondern durch Logistik und Mathematik gewonnen. Es ist eine brutale Kosten-Nutzen-Rechnung. Wer zuerst pleitegeht, verliert. Wir müssen aufhören, den Krieg militärisch-romantisch zu betrachten, und anfangen, ihn ökonomisch zu verstehen. Genau das tut Russland leider.

Wie viel ist ein Soldat wert?
Fangen wir vorne, an der „Zeroline“, im Graben an der Front, an. Auf der einen Seite stehen Soldaten, auf der anderen eine kleine FPV-Drohne. Sie wurde aus chinesischen Teilen, etwas Klebeband und einer RPG-Sprengladung zusammengebaut. Kostenpunkt: weniger als 500 Euro.
Wenn diese Drohne einen Soldaten tötet, ist das militärökonomisch eine einfache Rechnung. Ein Soldat kostet Ausbildung, Ausrüstung, Verpflegung und Sold. Der „Wert” (so zynisch das klingen mag) liegt weit über 500 Euro. Der Einsatz der Drohne hat sich rechnerisch gelohnt, aber nur knapp. Der „Return on Investment“ (ROI) ist hier jedoch noch gering.
Wenn die 500-Euro-Drohne jedoch einen Schützenpanzer oder einen Lkw zerstört, ändert sich das. Ein Fahrzeug kostet Hunderttausende bis Millionen. Die Drohne kostet weiterhin 500 Euro, eine aufwändigere wenige Tausend. Wenn eine 3.000-Euro-Drohne einen drei Millionen Euro teuren Panzer zerstört, hat man wirtschaftlich gewonnen. Und die Drohne ist schneller ersetzt als der Panzer. Das ist einer der Gründe, warum Panzer zunehmend über einfache Käfige verfügen. Die Drohne explodiert am Käfig und die Druckwelle sowie die Splitter können dem Panzer nur wenig anhaben.
Die Shahed-Falle: Wie man Geld verbrennt
Doch wie ist es in den Ballungsräumen – oder besser: über ihnen? Russland schickt die im Iran entwickelten „Shahed”-Drohnen. Im Grunde sind es fliegende Rasenmähermotoren in einem drei Meter breiten Rumpf mit Sprengstoff an der Nase. Sie sind laut, langsam, dumm und mit bloßem Auge zu sehen. Die Kosten für Russland liegen bei etwa 20.000 bis 30.000 Euro pro Stück. Mit viel Glück kann man sie mit einem Gewehr vom Himmel holen. Doch bei den nächtlichen Angriffswellen kommen bis zu 500 von ihnen auf einmal. Jede kann beim Einschlag etwa eine Wohnung zerstören. Man muss sie also zuverlässig abschießen.
Wenn die Ukraine eine moderne westliche IRIS-T- oder Patriot-Rakete abfeuert, kostet dieser Schuss je nach Typ zwischen einer halben Million und drei Millionen Euro. Selbst wenn die Ukraine jede einzelne Drohne abschießt, gewinnt Russland. Warum? Weil Russland nur 30.000 Euro ausgibt, um die Ukraine dazu zu bringen, eine Million Euro zu verbrennen. Wenn die teuren Raketen alle sind, kommen die russischen Bomber. So der russische Plan.
Hubschrauber und billige Abfangjäger
Deshalb sieht man jetzt diese scheinbar verrückten Videos, in denen ukrainische Mi-24- oder Mi-8-Hubschrauber Jagd auf Drohnen machen. Oder die „Gepard”-Panzer. Eine Flugstunde im Hubschrauber kostet weniger als 5.000 Euro, hinzu kommt der Preis für ein paar Schuss MG-Munition. Das ist billiger als eine Shahed.
Billigste Drohne gegen billige Drohne

Wir stehen kurz vor einer Wende. Wenn es der Ukraine gelingt, massenhaft eigene „Interceptor-Drohnen” zu bauen – also kleine, schnelle Drohnen, die Shahed-Drohnen rammen oder abschießen –, kippt das Spiel komplett. Eine Abfangdrohne kostet zwischen 4.000 und 9.000 Euro. Wenn die Ukraine damit eine 30.000-Euro-Shahed abschießt, macht Russland mit jedem Start Verlust. Das wäre der Moment, in dem die Shahed-Angriffe wirtschaftlich keinen Sinn mehr ergeben. Die Hoffnung ist, dass sie dann auch militärisch sinnlos für Russland werden.
Die düstere Prognose
Aber der Feind kann auch rechnen. Wenn die Shahed-Drohnen nicht mehr funktionieren, weil sie zu billig abgeschossen werden, wird Russland nicht aufhören. Stattdessen muss etwas anderes her, das billiger ist als eine Abfangrakete und nicht von einer Drohne abgefangen werden kann. Und wir sehen es bereits: Der Trend geht zu „billigen” ballistischen Raketen. Nordkoreanische KN-23 oder iranische Modelle. Gegen diese Raketen helfen fast nur die teuren Systeme Patriot PAC-3 oder SAMP/T. Diese Raketen kosten weniger als 200.000 Euro und wenn sie nicht besonders präzise sein müssen, kann man sicher noch Kosten sparen. Selbst Fehlstarts oder eine Genauigkeit von 10 km müssten für Terror ausreichen. Eine Abwehrrakete kostet hingegen rund drei Millionen Euro.
Töte den Bogenschützen, nicht den Pfeil
Krieg mit dem Taschenrechner: Der Krieg bleibt am Ende eine große Excel-Tabelle. Und im Moment sind die Zahlen noch immer tiefrot. Raketen abschießen kostet permanent Geld. Die Startrampe oder Fabrik der Raketen muss nur einmal zerstört werden. Wir müssen aufhören, in „Waffenlieferungen” zu denken, und anfangen, in „Kosteneffizienz” zu denken.