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Disney Land im Irak

Die Großstadt Kirkuk mit seiner gebrochenen Geschichte befindet sich im Norden des Iraks. Und hier gibt es ein Disney Land, welches den Namen eher nicht legal führt. Die Gründe dafür sind einfach, der Weg dorthin nicht.

Die Geschichte von Kirkuk kann man nur schwer in einem Absatz erklären. Die Stadt wurde vor 4.500 Jahren gegründet und hat viele Regierungen kommen und gehen sehen. Als das Saddam-Regime den Irak terrorisierte, wohnten hier meist Kurden. Saddam siedelte irakische Araber an, um die Kurden über einige Generationen hinweg zu vertreiben. Nachdem das Regime 2003 gestürzt wurde, gehörte Kirkuk zu den „umstrittenen Gebieten.“ Dabei handelt es sich um Gebiete, die mehrheitlich kurdisch bewohnt sind oder waren, welche aber unter der Verwaltung der irakischen Zentralregierung stehen. Nördlich von Kirkuk beginnt die Autonome Region Kurdistan, welche die Provinzen Sulaimaniyya, Erbil und Dohuk umfasst – und gegebenenfalls auch Kirkuk im Süden und Nineveh im Westen. Die Autonome Region Kurdistan verfügt über ein eigenes Parlament, Präsidenten, Armee, Polizei und Einreisevisa. Man spricht eine andere Sprache als im Irak (Sorani statt Arabisch) und die kurdische und arabische Kultur unterscheiden sich voneinander. 

Nachdem der IS 2014 Mossul überrannte, bewegten sich die Terroristen auch auf Kirkuk zu, welches unter der Kontrolle der irakischen Zentralregierung stand. Die irakischen Soldaten flohen und der Gouverneur von Kirkuk bat die kurdischen Peschmerga um Hilfe. Die Peschmerga sicherten ab diesem Zeitpunkt Kirkuk. Doch 2017, nachdem der IS besiegt war, kehrte die irakische Armee zurück und vertrieb die Peschmerga. Der demokratisch gewählte, kurdische Gouverneur Dr. Najmaldin Karim wurde aus dem Amt gejagt und das irakische Parlament setzte einen neuen Gouverneur ein, ohne eine Wahl abzuhalten. 

In einem Teil Kirkuks wehen die Flaggen der vom Iran gesteuerten schiitischen Milizen, eine Ecke weiter turkmenische Flagge, in einem anderen Teil der Stadt kurdische Flaggen und im Rest die irakischen. Besucher sind hier selten, Fremde eher unerwünscht. Auf der anderen Seite gibt es die allgemeine Gastfreundlichkeit der Region, die im Konflikt damit steht. Kommt man also als westlicher Journalist versehentlich bei den schiitischen Milizen raus, so wird einem bei einem Tee und einem Stück Baklava erklärt, dass man doch bitte gehen soll. 

Und mitten drin steht das große, völlig unerwartete Schild: „Disney Land.“ Die Tore geschlossen, gegenüber ein zerschossenes Haus. Niemand zu sehen weit und breit.

Hinter dem Tor des „Disney Land“ stehen einige Geräte: Schaukeln, Sandkasten, Rutschen. Etwas weniger, als im originalen Disneyland – aber mehr, als man hier erwartet hätte. Die Frage, die man sich als gesetzestreuer Deutscher sofort stellt: „Dürfen die das?“ Diese Frage kann ein Mann beantworten, der inzwischen dazu gekommen ist. Er empfiehlt uns zunächst, seine schöne Heimat schnell zu verlassen, hat aber nichts gegen ein paar Fragen. Warum der für Klagen bekannte Disney-Konzern hier nicht aktiv wird? „Ich habe hier noch nie einen Disney-Anwalt gesehen“, sagt er und lacht. „Hier trauen sich doch nicht mal die irakischen Minister hin“, fährt er fort. „Und wo sollen die sich beschweren? Baghdad sagt ihnen ‚fahr selber hin‘, in Erbil sagt man ‚gehört doch zu Baghdad‘ und hier vor Ort? Sollen sie halt kommen und versuchen das Schild abzuschrauben!“ Mein Blick fällt auf die AK-47, welche neben ihm an der Wand lehnt. 

Die Kinder der Umgebung lieben ihr Disneyland. Eine Cola kostet umgerechnet 50 Cent, drei Stück Baklava bekommt man für einen Euro. Der klare Preis-Leistungssieger im internationalen Vergleich.

Wir bedanken uns für das Gespräch und halten uns an die Empfehlung, die wir den ganzen Tag lang erhalten haben: Wir fahren wieder. Doch der Tag war lehrreich. Wir wissen nun: Markenrecht endet dort, wo die Kalaschnikow billig ist. 

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