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Erbil nach dem Raketenangriff

Vor zwei Tagen schlugen mehrere Raketen in der kurdischen Hauptstadt Erbil ein. Sie wurden aus nur sieben Kilometern Entfernung abgefeuert. Eine verfehlte nur knapp einen Wohnblock und traf eine Wand, welche ein Grundstück von einer Straße trennt. Durch die Druckwelle gingen die Scheiben im gegenüberliegenden Autohaus zu Bruch. In der amerikanischen Airbase wurde ein Mitarbeiter getötet und mehrere wurden verletzt.

„Sobald die das erste Kind töten, ziehen wir in den Krieg“, erklärte mir ein Sicherheitsbeamter Montagnacht vor dem beschädigen Autohaus. Es gab bereits viele Tote durch den Iran. Wenn die Angriffe die Wohnzimmer der Großstädte erreichen, wäre jedoch eine Grenze überschritten. Dies war seine persönliche Meinung, spiegelt aber die Sicht vieler Kurdinnen und Kurden wider. Mit „die“ ist der Iran gemeint, welcher in vielfältiger Weise Einfluss auf den Irak nimmt. Der Iran hat über viele Jahre seinen Einfluss ausgebaut. Iranische verbündete sitzen in etlichen Ministerien, kontrollieren ca. ein Drittel der Polizei und Teile der Armee. Zusätzlich gibt es im Irak die Hashd al Shabii „Volksverteidigungseinheiten“, also bewaffnete Milizen, welche theoretisch vom Staat kontrolliert werden. In der Praxis wird dieses heterogene Netzwerk vom Iran gesteuert. Der Iran achtet auch darauf, dass keine einzelne Gruppe zu mächtig wird. Sie kontrollieren dabei ganze Städte – wie Mossul. Insgesamt wohnen im Irak rund sechs Millionen Menschen in Gebieten, welche von der „Hashd“, wie man sie kurz nennt, kontrolliert werden.

Viele shiitische Terrorgruppen

Angriffe wie der vom Montag laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Eine kleine lokale Gruppe führt einzelne Angriffe aus. Der Iran ist selber nicht direkt beteiligt. Die Gruppe bekennt sich. Andere Gruppen wollen die gleiche Aufmerksamkeit und „bewerben“ sich um den nächsten Anschlag. Diese kleinen Anschläge sollen dabei die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak destabilisieren, die weiterhin den sichersten und am besten kontrollierten Teil des Irak darstellt. Hier hat die Koalition unter amerikanischer Führung mehrere (Luftwaffen-)Stützpunkte. Neben den Amerikanern findet man hier auch Kanadier, Briten, Italiener und Israelis. Im Kampf gegen den IS waren auch niederländische, deutsche und belgische Soldaten vor Ort.

Keine US-Privatarmeen

Die Airbase in Erbil ist dabei nicht gerade klein. Sie umfasst inzwischen rund einen Quadratkilometer, dazu kommen weitere kleinere Stützpunkte. Zusammen befinden sich dort tausende Soldaten, dutzende Kampfjets, Aufklärungsflugzeuge, Transport- und Kampfhubschrauber und hunderte gepanzerte Fahrzeuge. Im Alltag sieht man die Soldaten jedoch nicht. Keine Uniformen, keinen Cowboymanieren auf dem Basar. Bestenfalls sieht man ein paar sehr muskulöse aber höfliche Männer, die schnell vom Café in den Geländewagen gehen und unter Beachtung der lokalen Verkehrsregeln davon fahren. Ein Benehmen, wie man es aus den Videos von 2003 in Bagdad kennt, würde hier sehr schnell zu Problemen mit den Einheimischen führen und ist nicht gewünscht. Eigenständig agierende Privatarmeen wie Academi (früher Blackwater) sind in Kurdistan verboten, es gibt lediglich einige private Personenschutzfirmen mit befristeten Lizenzen und „Contractor“, also militärische Mitarbeiter der US-Armee, welche aber unter deren direkter Kontrolle stehen.

Krieg oder nicht Krieg?

Normalität auf Kurdistans Straßen

Der Raketenangriff überraschte auch niemanden. Die iranische Regierung wartete ab, bis Trump nicht mehr im Amt und die Gefahr eines Nuklearschlags nicht mehr gegeben war. Die Spielchen des Iran und das Mitspielen der irakischen Regierung haben alle beteiligten satt. Die Autonome Region Kurdistan möchte sich vom Irak lösen, die Amerikaner wollen den Einfluss des Irans auf die Region minimieren. Erst am Sonntag kehrten kurdische Unterhändler aus dem Iran zurück – mit leeren Händen, wie es aus Sicherheitskreisen heißt.

Ins nur 150km entfernten Shingal (auch: Sindschar) hat die Hashd al Shabii vor wenigen Tagen drei Battalione verlegt. Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass diese kurdische Kräfte bei Kirkuk und nahe Dohuk angreifen werden.

Parallel laufen die Luftangriffe der türkischen Armee im Norden der Region. Diese richten sich zwar gegen die PKK und finden unter Duldung der Regionalregierung statt, sorgen aber nicht gerade für eine Stabilisierung der Lage.

Während schon nach wenigen Stunden auf den Straßen Erbils Alltag herrschte, bleibt die Stimmung angespannt. Kurdistan-Irak steht dem Iran, dem Rest-Irak und den Iran-gesteuerten schiitischen Milizen gegenüber. Als Verbündete bleiben ihnen derzeit noch die Amerikaner, doch diese gelten nur als bedingt verlässliche Partner. Die Lage wird oft mit dem alten kurdischen Sprichwort erklärt: „Wir haben keine Freunde, außer den Bergen!“ In diese haben sich die Kurden immer im Krieg zurückgezogen und so haben sie bis heute überlebt.

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