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Israel – So ruhig, wie nie

Nach einigen Tagen stand fest: Ich darf nach Israel einreisen. Mit einer Sondererlaubnis für meine journalistische Arbeit. „Wichtig sind drei Apps: Gett fürs Taxi, Wolt fürs Essen und Red Alert falls die Raketen kommen“, gibt mir ein Mitarbeiter des israelischen Press-Office noch mit auf den Weg. Dann schickt er mir die Einreisegenehmigung. Voraussetzung für die Einreise war, dass ich zweimal geimpft wurde und die Impfung durch einen israelischen Bluttest bestätigt wird. Da die Lufthansa mir zwar ein Flugticket verkaufte, den Flug aber direkt wieder strich, musste ich einige Tage auf einen Flug mit der israelischen Airline El Al warten.

Die Einreise nach Israel kann komplizierter werden. Vor allem in diesen Zeiten und noch mehr, wenn man gerade drei Monate in Kurdistan-Irak war. Die kurdische Regionalregierung und die israelische Regierung haben seit Jahrzehnten gute Beziehungen und gerade im Kampf gegen den IS wurde den Kurden viel geholfen. Jedoch gehört Kurdistan-Irak, wie der Name schon sagt, zum Irak. Von dort aus wurden noch 1991 Raketen auf die israelische Hauptstadt Tel Aviv geschossen.

Obwohl der Flug erst um 21:05 Uhr gehen sollte, war ich bereits um 17 Uhr am Flughafen. So früh wie nie. Sonst sehe ich immer zu, dass ich direkt ins Flugzeug durchlaufen kann. Ich war sogar da, bevor der El Al-Schalter aufmachte. Um 17:30 Uhr war ich als Erster dran. Um 21:10 Uhr verließ ich die Befragung durch viele Mitarbeiter wieder. Ich musste alles Gepäck, inklusive Handgepäck, aufgeben und durfte nur Pass, Handy und meine Kleidung mit ins Flugzeug nehmen – und nach einiger Verhandlung auch ein Ladekabel. Alle Kleidungsstücke am Körper wurden auf Sprengstoff untersucht, FFP2 Maske, Schuhe und Hemd nochmal durchleuchtet. Das Flugzeug wartete auf mich, das Boarding war lange vorbei. Dafür ging es dann schnell los.

Handgepäck

In Israel gelandet, musste ich zur nächsten Befragung. Der israelische Botschafter bedankte sich einst mit den Worten „eine äußerst wirksame Erinnerung daran, wie wir jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen sollten. Danke Enno!“ für meine Arbeit (ich bin Sportschütze bei Makkabi) und ich hatte einen Termin bei der israelischen Armee. All das half nicht. Es wurden die gleichen Fragen gestellt wie vorher. Am Ende waren von der ersten Frage in Berlin bis zur letzten in Tel Aviv 12 Stunden vergangen. Dann ging es zum PCR-Test im Flughafen, anschließend wurde ich in die Hotel-Quarantäne entlassen. Dort warf ich aber nur mein Gepäck ab und fuhr in das Labor, welches meinen Corona-Bluttest machen sollte. Dass ich mit SputnikV geimpft worden war, interessierte dabei niemanden. In Israel betrachten man Impfungen medizinisch und nicht politisch. Entweder gibts Antikörper, oder eben nicht. Während ich im Hotel um 10 Uhr morgens ins Bett fiel, meldete das Labor meine Werte an das Gesundheitsministerium, welches meine Quarantäne aufhob, noch bevor ich wach wurde. Noch etwas müde, schwang ich mich auf die Straßen Tel Avivs.

In Tel Aviv sind die Menschen Touristen gewohnt. Es ist völlig normal, dass hier alle Menschen Englisch sprechen. Jedoch waren seit etwa einem Jahr keine Touristen im Land. An sich kommt derzeit niemand rein, der kein Israeli ist. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, ich bin eine davon. Daher sprechen alle mit einem Hebräisch und die Karten in den Restaurants sind auf Hebräisch. Ich verstehe es ein bisschen, kann aber selber nur „Wo ist die Mama?“ und ein paar wüste Beschimpfungen sagen.  Doch die Leute wechseln sofort ins Englische, wenn man sie darum bittet. Gerade in meinem Hostel waren die Leute überrascht. Die wenigen Leute, die rein kommen, steigen meist in den Luxushotels der Stadt ab. Ich mag grandiose Hotels, aber ich kann genauso gut im Hostel wohnen. Dieses hat eine tolle Dachterasse und man lernt viel schneller normale Menschen kennen, mit denen man über die Lage im Land sprechen kann.

Israelischer Soldat mit Sturmgewehr auf den Knien spielt auf einem öffentlichen Piano in Jerusalem

Im Großen und Ganzen sind die Menschen im Land von Konflikten und Regierungskrisen erschöpft. Sie wollen Ruhe und Stabilität. Sie freuen sich, dass die Lage jetzt wieder besser ist als noch vor ein paar Wochen.

Es ist auch leicht zu verstehen, warum das Alltagsleben für Juden in Israel einfacher ist. Sie können  ihr Leben leben, ohne sich über ihre Religion allzu viele Gedanken zu machen. In Deutschland kann man nicht mal eine Kippa tragen, ohne Angst zu haben. Ein Davidstern wird direkt als politische Symbol gewertet, es gibt permanent Übergriffe. Antisemitismus ist in Deutschland gewalttätig und allgegenwärtig. Nur nehmen ihn Nicht-Juden selten wahr.

Die meiste Zeit verbringe ich in Gesprächen mit Menschen, die ich bereits vorher kannte oder ich sitze auf der Dachterasse des Hostels, am Strand, in Cafés und spreche einfach mit den Menschen hier. Diese freuen sich, dass sich Journalisten für ihr Leben interessieren und über sie berichten wollen. Einen Tag verbringe ich in Bat Yam und Lod- zwei Orten, in denen es vor zwei Wochen zu großen Ausschreitungen kam. Radikale jüdische und muslimische Gruppen trafen aufeinander. Es brannten Synagogen, Unbeteiligte wurden zusammengeschlagen, wenige sehr unschöne Abende. Die Täter stehen bereits vor Gericht und werden von Liberalen bis Hardlinern verachtet.

Abgesehen von solchen isolierten Ereignissen ist jüdisches Leben bunt und vielfältig. Gerade deswegen sind die jungen Menschen verwundert, dass sie in letzter Zeit von westlichen Freunden immer wieder gefragt werden, ob es in Israel wirklich so zugehe, wie in der Netflix-Serie „unorthodox“ beschrieben. Diese handelt von einer jungen amerikanischen orthodoxen Jüdin, welcher ihrem erdrückenden Umfeld dort entflieht und in Deutschland eine neue Zukunft sucht. Die Serie hat garnichts mit Israel zu tun. Und auch nichts mit der Lebensweise hier. Die Engstirnigkeit vieler Menschen ist zum Haare raufen.

Doch passend zu dieser Frage werde ich von aschkenasischen Juden zum Sabbat eingeladen. Am Sabbat dürfen sie zum Beispiel keine elektrischen Geräte benutzen, kein Feuer machen (was heutzutage auch auf den Herd übertragen wird) und auch kein Handy benutzen. Die Regeln sind weit umfassender, aber dies sind die ersten Dinge, die einem als Besucher auffallen. Wenn man sich auf diese und weitere Regeln versteift, überlegt man schnell, welche Probleme es geben könnte. Aber eigentlich ist nicht wild: Treppe laufen statt Aufzug fahren, einfach mal das Handy zur Seite legen und an der elektrischen Warmhalteplatte ist eine Zeitschaltuhr, welche das Mittagessen warm macht. Es gibt auch als Gast wenige Regeln, die zu beachten sind, es werden Gebete gesprochen und die Hände auf eine bestimmte Weise gewaschen – aber im Großen und Ganzen nicht besonders verrückt. Im Gegensatz zu der Netflix-Serie, welche  eine ganz andere Szene auf einem anderen Kontinent behandelt, leben diese Menschen auch nicht abgeschottet vom Rest der Welt. Ich treffe in der Synagoge auf einen Kampfjetpiloten, internationale Geschäftsleute, Abgeordnete, Programmierer und Handwerker. Sie haben Smartphones, ihre Kinder nutzen TikTok und Snapchat – nur eben nicht an diesem einen Tag. Dafür bleibt viel Zeit für Gespräche. Nichts klingelt, niemand muss ein Selfie machen, niemand regt sich über irgendeinen Blödsinn auf Twitterauf, den er gerade gelesen hat. Und Besucher sind in dieser Synagoge herzlich willkommen. 

Für einige bleibt die Frage, warum man nach solchen Regeln leben sollte. Ich stelle mir die Frage nicht. Ich verstehe auch nicht, warum sich die meisten Deutschen an Weihnachten hübsch anziehen, um ihre Familie zu besuchen, von der sie schon vorher wissen, dass sie einen Teil gar nicht sehen wollen. Menschen sind verschieden. In meiner Welt darf jeder nach seiner Facon selig werden.

In wenigen Tagen dürfen Reisegruppen nach Israel reisen, in einem Monat wieder Individual-Touristen. Bis dahin werde ich meine Artikel geschrieben haben und wieder weg sein. Aber ich konnte dieses Land zu einer Zeit sehen, zu der in Deutschland noch diskutiert wurde, wie man die Inzidenzwerte passend manipuliert, während Corona in Israel bereits vorbei war.

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