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Sind schusssichere Westen wirklich sicher?

Immer wieder sieht man im Fernsehen Politiker, die im Krisengebiet eine überraschend kleine schusssichere Weste tragen. Ist das ok so? Ja und nein. Aber die Details sind schwieriger: Was für eine Weste tragen sie, warum und wie sieht das ganze Sicherheitskonzept aus? Die gleichen Fragen gelten aber nicht nur für Politiker, sondern für alle Menschen.

Braucht man eine schusssichere Weste?

Zunächst muss man sich die Frage stellen, ob man überhaupt eine schusssichere Weste braucht. Diese wird oft als eine Art magischer Schutz vor allem gesehen. Wie ein Unverwundbarkeits-Zauber aus Harry Potter Büchern. In Wirklichkeit ist der Schutz eher überschaubar: Teile des Oberkörpers werden vor Projektilen mit bestimmten physikalischen Eigenschaften geschützt. Und so ein Projektil fliegt selten weiter als einen Kilometer.

Treffen können die wenigsten Menschen aus mehr als hundert Metern. Auch in Kriegsgebieten. Das heißt, man muss eine Gefahr durch Schusswaffen im Kreis von weniger als einem Kilometer erwarten, damit es einen Sinn ergibt. An der polnisch-ukrainischen Grenze trafen wir Menschen, die ihre schusssicheren Westen anzogen – rund tausend Kilometer vom eigentlichen Kriegsgebiet entfernt. Den Sinn werden nur sie selber verstehen. Westen sind warm wie ein dicker Pullover und mehrere Zentimeter dick. Man tut sich also keinen Gefallen damit, diese unnötig zu tragen. 

Woraus besteht eine Weste?

Ein Stapel ballistischer Platten

Grundsätzlich besteht eine klassische schusssichere Weste aus zwei bis drei Teilen: Zunächst der Hülle bzw. dem Plattenträger, der aus Stoff (z.b. Nylon) besteht und den eigentlichen ballistischen Schutz aufnimmt. Dieser ballistische Schutz kann aus ein oder zwei Lagen bestehen. 

Gegen kleinere Kaliber wie Pistolen schützt eine flexible, wenige Millimeter dicke Lage aus Kevlar oder ballistischem Nylon. Diese nennt man Weichballistik. Üblicherweise werden damit die Vor- und Rückseite sowie die Seiten des Torsos geschützt. Vor Schnitten oder Stichen bietet dies jedoch keinen Schutz. Während Schnittschutz relativ einfach realisiert werden kann, ist Stichschutz weiterhin ein Problem. Meist wird bis heute mit Kettenhemden oder Titanplatten gearbeitet, wenn man wirklich sicher sein möchte.

Gegen größere Kaliber wie Gewehre benötigte man lange, stabilere Platten, die sich nicht mehr flexibel um den Körper ziehen lassen. Diese werden als Hartballistik bezeichnet. Sie sind auch heute noch üblich. Das klassische Format beträgt 10×12 Zoll, etwa 25x30cm, also nur wenig größer als ein DIN A4 Blatt. Diese werden allein oder über der Weichballistik getragen. Es gibt Platten, die zwingend mit einer Weichballistik darunter getragen werden müssen, da sie beim Aufprall eines Projektils zersplittern, und die Splitter zusätzlich abgefangen werden müssen. Diese heißen ICJ/in concjuntion with (in Verbindung mit-) Platten. Dafür sind diese Platten oft leichter und günstiger, als „stand-alone“-Platten, die man ohne Weichballistik tragen kann.

Die dickeren Stand-alone-Platten decken dann etwa 25×30 cm auf der Vorder- und Rückseite des Torsos ab. Damit sind die wichtigsten Organe geschützt, aber nicht viel mehr. Optional kann man die Seiten des Torsos mit weiteren Platten schützen, die meist 6×6 Zoll (15x15cm) oder 6×8 Zoll (15x20cm) groß sind.

In den 1950er Jahren setzte die Nutzung von schusssischeren Westen im größeren Maße ein, damals noch mit schweren Stahlplatten. In den 1970er Jahren kam Kevlar Weichballistik dazu. In den 2000er Jahren wurden die Stahlplatten durch Keramikplatten ersetzt. Heute nutzt man Kunststoffplatten. Dabei ist der Gewichtsunterschied erheblich. In einer üblichen Schutzklasse wogen die Stahlplatten jeweils drei bis vier Kilogram, Keramikplatten wiegen zwei bis drei und PE-Kunststoffplatten ein Kilo.

Seit einigen Jahren gibt es moderne Kunststoffwesten, die den Schutzfaktor der Hartballistik-Platten um den gesamten Torso herum bieten. Dies ist möglich, da sich der Kunststoff, im Gegensatz zu Stahl oder Keramik, flexibel produzieren lässt. Diese Westen bieten auch Schnitt- und Stichschutz. Man kann sie unter einem Pullover tragen, ohne aufzufallen. Diese modernen Westen sind aber weiterhin wenig verbreitet. Auch die beste Weste deckt also weder Arme noch Beine noch den Kopf ab.

Ein weiteres Problem ist, dass die Energie des Projektils irgendwo hin muss. Die Weste sorgt an sich nur dafür, dass diese auf eine größere Fläche verteilt wird. Alte Stahlplatten bogen sich dabei bis zu sechs Zentimetern nach innen, wodurch es zu Traumata im Körper kommen konnte. Moderne, zertifizierte Platten haben das Problem nicht mehr, dennoch kann es zu Prellungen oder gar Brüchen kommen, wenn man aus kurzer Distanz von großen Kalibern getroffen wird.

Welche Weste braucht man?

„Ich hätte gerne eine schusssichere Weste“ ist etwa so präzise wie „ich hätte gerne ein Auto.“ Es kommt drauf an, was man zu welchem Zweck braucht. Regelmäßig wird nach dem Motto „viel hilft viel“ die höchste verfügbare Schutzklasse gekauft. Dies mag nicht falsch sein, sorgt aber oft für Ausgaben, die höher als nötig sind und gleichzeitig für unbequemere Westen.

Am Anfang sollte also die Threat-Analyse stehen: Was ist mein Szenario? Im aktuellen Konflikt in der Ukraine besteht das größte Problem im Artilleriebeschuss. Wenig überraschend hilft die Weste dabei nicht. Sollte man es bis zu den russischen Soldaten schaffen, droht einem Beschuss mit einer Kalaschnikow Ak-47 oder Ak-74. 

Wenn man mit Menschen darüber spricht, wird einem oft entgegnet, dass das nun aber wirklich Details für Waffenfetischisten seien, man wolle aber nur eine Weste haben. Das ist etwa, wie wenn man im Restaurant sagt „Sorry, mich interessiert nicht welcher Koch was wie in welchen Topf wirft. Ich wollte etwas essen!“

Die Frage, womit man vermutlich beschossen wird, sollte Grundlage der Kaufentscheidung sein. Bei den relativ kleinen Kalibern der Kalaschnikow reicht eine VPAM 6 Weste. Nun, was ist das?

Man kommt nicht drum herum, sich mit den verschiedenen Standards auseinanderzusetzen. In verschiedenen Teilen der Welt gibt es unterschiedliche Standards mit verschiedenen Einteilungen. Etwa, wie bei Zoll und Zentimeter oder Grad Fahrenheit und Grad Celsius. Bei schusssischeren Westen gibt es die deutsche SK 1-4, in den USA NIJ 1-4 und dann noch VPAM 1-10. VPAM erlaubt also eine kleinteilige und präzisere Unterscheidung des Schutzes, als NIJ und SK. Je nachdem, wo die Ballistik des Herstellers zertifiziert wurde, erhält man eine Angabe in der einen oder anderen Klasse. 

Dabei kann irritierend sein, dass NIJ 3a und VPAM 3 gegen großkalibrige Pistolen schützt, NIJ 3 und SK 3 jedoch gegen großkalibrige Gewehre. Es gibt aber Tabellen, die das Ganze erklären. 

Dabei muss man bedenken, dass es sich hier um genormte Tests im Labor handelt, um Vergleichbarkeit zu schaffen. Dabei werden die Materialien aus wenigen Metern in einem 90-Grad-Winkel beschossen. Auch großkalibrige Gewehrmunition, wie sie Scharfschützen einsetzen, wird so getestet. In der Praxis würde dieser aber aus hunderten Metern Entfernung schießen, wodurch das Geschoss bereits eine Menge Energie verloren hätte.

Die Standards geben also an, welche Projektile die Weste im ungünstigsten Fall aus kurzer Distanz hält. Was eine Weste aber genau in der Praxis hält, ist eine ganz andere Frage.

Helme

Ballistischer Helm mit vollem Schutz

Die meisten Helme haben die Schutzklasse NIJ 3a, die gegen die üblichen Handfeuerwaffen bis hin zu .357 Mag und .44 Mag schützt. Ein österreichischer Hersteller bietet inzwischen auch AK47 sichere Helme an. Auch da hat man das Problem, dass die Energie des Treffers irgendwo hin muss. Aber Nackenschmerzen sind sicherlich besser, als ein Loch im Kopf. Es gibt auch Helme mit komplettem Gesichtsschutz, mit freien oder bedeckten Ohren und mit optionalen Schienen, an denen man Zubehör befestigen kann. 

Für die meisten Nutzer dürften diese Details ohne Belang bei der Kaufentscheidung sein. Treffer auf den Helm sind aber sehr selten. Ein Helm schützt vor allem gegen herabfallende Trümmer und bei Stürzen.

In der Praxis

Wie Brecht sagt: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Auch mit all diesem Wissen ist es schwierig, die richtige Wahl zu treffen. Bei mir stapeln sich inzwischen Westen, Carrier, Platten, Weichballistik und Helme. Die Qual der Wahl macht es nicht einfacher.

Aus meiner Sicht gab es in den vergangenen großen Konflikten kaum Situationen, in denen man eine VPAM 10 oder NIJ 4 Weste gebraucht hätte. Diese halten große Kaliber wie 7.62x54R bzw. .30 06. Natürlich existieren die im Krisengebiet und werden auch eingesetzt – mir ist aber kein Fall bekannt, in dem ein solches Projektil eine dünnere Weste getroffen und durchschlagen hätte. Und nur in genau diesem Fall wäre die höhere Schutzklasse von Vorteil gewesen. 

Wie eingangs erwähnt, entspricht die Frage nach der richtigen Weste der nach dem richtigen Auto. Man kann kaum voraussehen, in welche Situationen man gerät, wie man den persönlichen Schutz einsetzen wird, und was eigentlich dafür optimal ist. Am Ende landen die meisten dann bei einem Plate Carrier mit NIJ 4 Platten. Viel hilft viel. Und deswegen tragen es auch die Politiker im Ausland. Es entspricht der visuellen Erwartung der Zuschauer.

Wir tragen im Normalfall VPAM 6 Stand-alone-Platten aus Kunstoff, die 800 Gramm pro Stück wiegen. Oder wir nutzen direkt die PE Westen, die den gesamten Körper in der gleichen Schutzklasse umschließen. Sie sind leicht, bequem und reichen aus. Wir mussten sogar mehrmals in diesen Westen schlafen, was problemlos funktioniert. Sie halten die Projektile aus der AK-47 und AK-74. Diesen Waffen begegnen wir am meisten aus der Nähe, also wollen wir vor denen sicher sein.

Ich nutze meist Helme mit Schienen und freien Ohren, um dort einfacher meinen Gehörschutz mit Funk anbringen zu können. Nutzt man dies nicht, sollte man die allerdings Ohren bedecken.

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