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Wie der Westen die Russen zu Kriegsverbrechen zwingt

Mitten in der Nacht wurde ich von einer lauten Explosion wach. Das ganze Hotel wackelte. Die Gläser im Schrank klirrten aneinander. Die Scheiben vibrierten. Wie oft geübt, lies ich mich auf der dem Fenster abgewandten Seite des Bettes auf den Boden fallen. Sollten durch eine weitere Druckwelle die Scheiben zerbersten, ist es dort am sichersten. Dort lag die Bettdecke, um es angenehmer zu machen. In der Ecke des Raumes, so dass man sie im Dunkeln gut findet, lag die Taschenlampe. Gedämmtes, rotes Licht an, um nicht zu viel Helligkeit zu erzeugen. Schusssichere Weste und Helm an und erstmal orientieren.

Kharkiv, kurz vor der russischen Grenze. Nachts. Im Hotel. Artillerie kann es nicht gewesen sein. Die lässt das Haus nicht wackeln. Nebenan war es auch nicht, dafür war die Druckwelle zu schwach. Dann folgten noch zwei solche Explosionen und Erschütterungen. Später sollte sich herausstellen: Die Russische Armee hatte drei S-300 Raketen, welche eigentlich als Flugabwehr gedacht waren, auf die Stadt gefeuert. 146 kg Sprengstoff je Rakete. Die Krater waren so groß, dass mehrere Erwachsene drin stehen konnten. 

Russische S-300 Raketen. Foto: Vitaly V. Kuzmin

Es muss vorher einen Luftalarm auf der App und mit Sirenen gegeben haben, aber nach mehreren Wochen in diesem Krieg, schläft man einfach weiter, bis es knallt.

Und was tut man, nachdem man so etwas erlebt hat? Man schläft weiter. Was soll man anderes tun. Es gibt weit und breit keine Bunker. Im Keller ist man nicht wirklich sicher, wenn das eigene Gebäude getroffen wird. Am gefährlichsten sind die Glassplitter. Die Sorgen vor Schnittverletzungen und Blutverlust ist groß. Nach einer Minute mit schweren Blutungen kann man sich nicht mehr selber versorgen. Nach drei Minuten kann einen auch sonst niemand mehr retten.

Also die Matratze in das Badezimmer ohne Fenster ziehen und den Rest der Nacht dort schlafen.

Die ukrainische Autobahn E40

Das war nicht das einzige Erlebnis dieser Art in der Ukraine. Ich habe in den wenigen Monaten der Invasion eine Menge erleben müssen. Auf der Autobahn vor Bucha fuhren wir eine Stunde lang durch ein Szenario, welches an einen Horrorfilm erinnerte. Vor uns gab es eine große Explosion. Um uns rum lagen Leichen. Ganze, in Teilen, überfahren, zerschossen, mit Familie und ohne. Teilweise saßen sie noch am Steuer, teilweise kauerten sie hinter einem zerschossenen Auto, welches sie nicht schützen konnte.

Im Wald nebenan lagen Menschen mit gefesselten Händen und Einschusslöchern im Rücken. Im Fernsehen berichtet später eine Frau, wie hier ihr Kind im Kindersitz angeschossen und ihr Mann ermordet wurde.

In Mykolaiv wurden wir mit Artillerie beschossen. Kurze Zeit später starben an dem Ort mehrere Menschen und ihre Hunde an einer Bushaltestelle. Sie wollten mit dem Bus fahren und wurden aus 20 km Entfernung ermordet. 

Was treibt die russische Armee wieder und wieder zu solchen Kriegsverbrechen? Die Grünen? Natürlich! Oder die CDU? Je nachdem, wen man fragt auch SPD, Linke oder FDP. Oder die NATO. Kurz gesagt: Nach der Meinung vieler Deutscher ist quasi jeder Schuld. Nur nicht die Soldaten, die Leute aus Autos zerren, ihnen die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken verbinden und ihnen dann in den Rücken schießen. Man solle Verständnis dafür haben. Diese Soldaten hätten so Angst vor der NATO, dass ihnen nichts anderes bleibt, als Kriegsverbrechen zu begehen.

Nun ist die Ukraine nicht in der NATO und die ermordeten Zivilisten auch nicht. Der Logik folgend müsste es aber genau so nachvollziehbar sein, wenn russische Soldaten auf den Alexanderplatz gehen und dort Leute ermorden würden. Deutschland ist in der NATO, die deutschen Zivilisten müssten also viel bedrohlicher auf sie wirken, als die ukrainischen Zivilisten. 

Am Rande der ukrainischen Autobahn E40

Kann jemand dieser Logik folgen, dass „wir“ also der Westen, die russischen Soldaten jeden Tag wieder zu diesen Verbrechen zwingen? Dass wir sie zwingen Marschflugkörper auf flüchtende Familien am Bahnhof in Kramatorsk zu schießen und mehr als fünfzig Personen dort zu ermorden? 

Ja. Diese Leute gibt es. Sie schreiben „offene Briefe“, sitzen in Talkshows und halten Vorträge. Sie wollen, dass der Krieg sofort beendet wird und beide Seiten, also auch die Ukriane, etwas dafür tun müsse.

Ein ermordeter Zivilist in der Ukraine

Das ist, wie wenn die Polizei zu einer Vergewaltigung kommen würde und dem Opfer sagen würde, es müsse sich nun aber mal überlegen, ob das ewig so weiter gehen soll, oder ob es nicht mal in Verhandlungen treten solle.

In beiden Fällen wäre die Frage: Über was verhandeln? Wie lange man noch wie viel über sich ergehen lassen muss? Der Täter, der russische Staat, jeder individuelle Soldat, kann jederzeit seine Handlungen einstellen. Sie wollen nicht. Was soll man da wie verhandeln?

Zu meinen, Russland würde sich an einen verhandelten Friedensdeal halten, entbehrt wirklich jeder Grundlage. Seit 30 Jahren wütet die russische Armee in der Welt und begeht täglich Kriegsverbrechen.

Als die Ukraine eine der größten Atommächte der Welt war, gab sie freiwillig ihre Waffen ab und erhielt dafür Sicherheitsgarantien – unter anderem von Russland. Der Völkermord, den Russland angekündigt und begonnen hat, ist ebenfalls illegal. Jedes einzelne Kriegsverbrechen ist es.

Wie sollte man also darüber verhandeln? 

Gut, das ist nun alles basierend auf Fakten und meiner Beobachtung vor Ort. Ich habe zu wenig Erfahrung mit dem Briefe schreiben vom sicheren Schreibtisch in Deutschland. Ich kann mir mein Wissen auch nicht abeignen, bis ich eine so blöde These in einer Talkshow vertreten kann. 

Ich kann den Menschen, die so etwas fordern, nur empfehlen selber mal eine Nacht in Kharkiv, Kramatorsk und Mykolaiv zu verbringen, so wie ich es tat.

Danach können wir ja nochmal über „offene Briefe“ sprechen. 

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