KrisengebieteKurdistanKurdistan-Feature

von Mossul bis Kirkuk auf der Spur der ISIS

m Irak (und Kurdistan im Norden davon) tobt gerade der Kampf der ISIS gegen die kurdische Armee (Peschmerga) sowie gegen die irakische Armee.

Mossul

Mossul ist eine Stadt welche an der Grenze zwischen Kurdistan und Irak liegt. Bisher gehörte sie zum Irak, jedoch wohnen dort viele Kurden. Nachdem die ISIS die Stadt angriff und zwischen 500 und 900 Millionen US$ erbeutete, flüchteten die 30.000 irakischen Soldaten in Rekordzeit. Es liegen noch Westen, Uniformen usw. auf dem Boden und die Fahrzeuge stehen verlassen rum. Überraschend, dass es auch gepanzerte Humvees, schußsichere Westen (Klasse 4) und Waffen sind. Ich habe gerade mit zwei Peschmerga (offizielle Armee der Autonomen Region Kurdistan) Generälen reden können. Die Lage in Kurdistan ist gut und sie machen sich keine Sorgen. Wir sind ohne Probleme bis Mossul gekommen. Laut Aussage des einen Generals sind wir bisher jedoch die einzigen Journalisten, die er so weit vorne gesehen hat.

In Mossul ist es derzeit stabil ruhig. Man hört keine Gefechte, aber die Front ist klar mit Fahnen gekennzeichnet, aber es ist zu erwarten, dass der IS noch weiter bis an die Stadtgrenze rücken wird. Viele der Ü-Wagen der TV-Sender standen nahe Erbil an einem irakischen IDP-Camp (landesinterne Flüchtlinge) stehen geblieben, dort wurden Dutzende Interviews geführt. Weiter vor möchte kaum jemand.

Hier ist nur ein Kleiner Stützpunkt mit ein paar Jeeps mit Gefechtstürmen, ein Radpanzer aus den 80ern und ein paar Soldaten. Sie versorgen uns mit Essen, beantworten geduldig die Fragen und entschuldigen sich dafür, dass es nur einfaches Essen gibt. In Blickweite des IS ist Gastfreundschaft ihre größte Sorge. Die Menschen hier sind immer wieder überraschend anders, als man es aus Deutschland gewohnt ist.

Das Benzin ist weiterhin knapp, da viel an die Front gegangen ist. In Kürze soll sich das wieder stabilisiert haben, aber aktuell gibt es einige Schwankungen bei der Versorgung. Die Schlangen vor den Tankstellen sind hunderte Meter lang, aber die Leute verhalten sich alle friedlich und warten geduldig genervt.

Kirkuk

Nachdem vorerst unklar war, wohin es uns heute verschlägt, ging es nach Kirkuk – bzw. sogar südlich davon in den Irak. Dort ist die Sicherheitslage seit längerem angespannt, da die Stadt in den letzten Jahren eine unruhige Zeit hinter sich hat. Sie liegt ebenfalls an der Irakisch-Kurdischen Grenze. Laut der Verfassung soll in einem Referendum abgestimmt werden, wohin Kirkuk gehört. Dies passierte bisher nicht.

Während der Anfahrt musste erst geklärt werden, wie genau wir von wo nach wo in die Stadt rein und raus kommen. Die Straße von Erbil nach Kirkuk hat zwei Spuren pro Richtung und kann (mit einem entsprechenden Fahrer) so schnell wie die Autobahn befahren werden.
Am Checkpoint nach Kirkuk warteten wir auf unser Begleitfahrzeug mit einem Peschmerga Kommando – „Don’t worry, just for safety!“. Ich sage ja immer: Peschmerga sind für mich die lachenden Soldaten. Und so war es dort auch wieder: Ein Soldat stieg lächelnd aus und begrüßte uns freundlich. Zunächst fuhren wir zum Gouverneur Najmaldin Karim (PUK). Er gab uns auf Englisch ein Interview zur Lage in Kirkuk und in Kurdistan. Ein freundlicher Mann, der sich viel zeit für uns nahm. Er sagt, die Peschmerga alleine werden ISIS nicht vertreiben können, aber sie können ISIS aus Kurdistan raus halten – und das reicht ja für eine Unabhängigkeit.

Im Gespräch mit Najmaldin Karim

Anschließend ging es zum Flughafen von Kirkuk. Der General Yussuf gab uns ein Interview – überraschenderweise auf Deutsch. Er ist deutscher Staatsbürger und hat 20 Jahre dort gewohnt. Er erzählte uns (was ich schon oft hörte), wie sehr er die Deutschen mag, da diese viele kurdische Flüchtlinge aufnahmen, als sie von Saddam verfolgt wurden. Anschließend erhielten wir die Erlaubnis „On your own risk!“, die Peschmerga an der Front südlich von Kirkuk zu besuchen.

Erst für diesen Abschnitt mussten wir die schusssicheren Westen (SK4) und Helme anlegen. In der Gegend gab es eine Warnung vor stay-behind Scharfschützen der ISIS und unnötige Risiken mag man auch hier nicht eingehen. Die Peschmerga dort erklärten uns, dass es heute ruhig war und dass sie die Stellung gegen die ISIS bis auf’s letzte verteidigen werden. Neben Panzern wird die Stellung mit Granatwerfern und Scharfschützen verteidigt. Da wir dort gut 20 km südlich von Kirkuk waren, ist die Frage, wer die Hoheit über Kirkuk hat, auch geklärt.

Richtung Syrien

Heute haben wie die nordöstliche Ecke von Kurdistan-Irak angesehen. Nordwestlich von Dohuk, Richtung Zaxo an der syrischen (und fast türkischen) Grenze. Dort trafen wir General Sheikh Ali.

Er kommandiert die Peschmerga von der türkischen Grenze bis zum Mossul Damm. Dort ist auch die Zerevani Quick Respond Force (QRF) stationiert. In seinem Stützpunkt wurden wir mit „Kommt rein!“ vom Dolmetscher begrüßt. Der General selber erklärte uns, dass er noch keine Interviews gegeben hat, „not even CNN or BBC!“.

Wir redeten mit ihm über die Truppen unter seinem Kommando, wie sie ihren Bereich halten können, bis wohin sie operieren. Er zeigte uns an der Karte genau, bis wohin seine Truppen gerade stehen, und warf die süffisante Frage auf, ob wir den irakischen Premier Al Maliki nicht mal fragen wollen, warum die 30.000 irakischen Soldaten Mossul so fluchtartig verließen. Mit der syrischen kurdischen Armee YPG hat er keinen Kontakt, es klangt nach einer friedlichen Koexistenz entlang der Grenze.

Im Anschluss konnten wir mit einer Peschmerga Spezialeinheit sowie mit seinen Soldaten sprechen, uns ihre Ausrüstung und ihren Alltag erklären lassen. Gerade die Spezialeinheit hatte ein paar Leute dabei, die so aussahen, als könnten sie Kurdistan im Alleingang verteidigen.

Auf dem Rückweg gab ich eine halbe Stunde ein Interview zu dem, was ich hier eigentlich treibe.

IDPs und syrische Flüchtlinge

Heute haben wir mit den Flüchtlingen in Kurdistan gesprochen. Während bisher Hunderttausende aus Syrien hierher flohen, kommen nun Hunderttausende aus dem Irak dazu. Korrekterweise sind letztere „internally displaced people“, kurz IDPs. Derzeit hat Kurdistan (im Irak) rund 5 Millionen Einwohner und beherbergt zwischen 500.000 und einer Million Flüchtlinge und IDPs. Die Camps werden immer von einem Set von Akteuren betrieben. Alle haben mit der UNHCR zu tun, die kurdische Regionalregierung (KRG) zahlt mehrstellige Millionenbeträge, um das ganze zu finanzieren. Einige Camps, die wir nun sahen, werden von ACTED organisiert.

Das IDP Camp wird gerade noch aufgebaut, Bagger planieren die Flächen, Helfer bauen die Zelte, Strom und Wasserversorgung auf und MAG (kommerzieller Kampfmittelräumdienst, der für die Gegenden, aus denen die IDPs kommen, einen Auftrag hat) verteilt Informationen: Keine Munition aufheben oder aufsägen, einfach MAG anrufen und räumen lassen. Das Problem ist, dass man mit Munition Geld verdienen kann. Und wenn man wirklich nichts mehr hat und verzweifelt ist, dann sägt man auch Mörsergranaten auf, um das Innenleben zu verkaufen.

Die Leute hier sind grundlegend versorgt: Zelte, Wasser, Mehl, grundlegendes Essen und etwas Strom. Dank Telecoms sans frontieres gibt es auch bald Kommunikation. Und es ist eben sicher vor der ISIS.

Bedrückend war jedoch die Aussage eines IDP. Er sagte, er habe mehr Angst vor Malikis (also der irakischen) Armee, als vor ISIS. ISIS würden zumindest nicht absichtlich auf die Zivilisten schießen, sondern erstmal Fläche einnehmen und nur auf alles schießen, was sie daran hindert. Die irakische Armee schießt hingegen mit Katjuschas auf die Isis Gegenden. Er kam aus der Gegend um Tal Afar („somewhere around tal afar“), was recht viel bedeuten kann. Dort, so sagte er, seien sie vor wenigen Tagen mit Raketen beschossen worden.

Auf dem Rückweg hielten wir nochmal an einer der vollen Tankstellen. Die Leute stehen hier zwei bis drei Stunden an und erhalten dann 30l Benzin. Die Situation soll sich bald verbessern, da man dann mehr Benzin aus der Türkei bekommt. Bis Kurdistan genug eigene Raffinerien hat, wird das Problem bestehen bleiben. Rohöl kann man im Auto nunmal nicht tanken.

Ein junger Mann mit einem neuen Range Rover ließ auch beim Warten den Motor und die Klimaanlage laufen, beschwerte sich aber über das knappe Benzin.

Wir fragten alle, ob sie Angst vor der ISIS habe und dass diese den Krieg nach Kurdistan bringen. Die durchgehende Antwort ist sinngemäß: „Nein, wir haben ja die Peschmerga!“. Viele sagten dann noch, dass sie auch jederzeit selber an die Waffe gehen, wenn es nötig wird.

Wie sich die Situation mit der ISIS entwickelt, werden wir ja sehen.

Der Vorhang zu und viele Fragen offen

Ich habe nun von (fast) zaxo bis Halabja die kurdisch/irakische Grenze besucht, die Front in Mosul, weiter im Norden und in Kirkuk besucht und habe hier keinen Krieg gesehen – nur Peshmerga, die die Grenzen sichern. Die Bevölkerung war zuversichtlich, aber etwas vorsichtig, was Zukunftsprognosen anging. Wir sahen eine Menge Flüchtlinge und IDPs die versorgt werden müssen und auch versorgt werden. Die Lage ist also viel besser, als ich erst befürchtet hatte, aber noch weiss man nicht, wie es endet.

Werbung