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Sollten wir russische Raketen im NATO Luftraum abschießen?

Seit der Invasion der Ukraine durch Russland gab es mehrere Vorfälle, bei welche russische Drohnen, Hubschrauber oder Raketen in den polnischen NATO-Luftraum eindrangen. Könnte und sollte man diese einfach abschießen? Welche technischen, militärischen und politischen Gründe sprechen dafür oder dagegen? 

Polnische Flugabwehr

Ziviler Flugverkehr könnte gefährdet werden

Die russischen Raketen werden derzeit vor allem von Kampfjets oder Flugabwehrraketen ins Visier genommen. Polen setzt derzeit auf eine Mischung aus amerikanischen Patriot PAC-3 Systemen, aber auch sowjetischen S-125 und S-200. Auch bei den Kampfjets gibt es eine bizarre Mischung aus alten MiG-29 bis hin zu modernen F-35 Lightning II. Daher variiert die Reichweite der Systeme und die Art, wie sie eingesetzt werden können. Grob decken diese aber dutzende bis wenige hundert Kilometer ab. Man müsste also einen recht breiten Streifen entlang der polnisch-ukrainischen und polnisch-belorussischen Grenze für den Luftverkehr sperren. Im Zweifel 100-200 km. Und das permanent. Dies würde aber die großen Flughäfen Warschau, Krakau und Rzeszów einschließen. Oder man müsste kurzfristig einige Bereiche sperren, was wiederum gefährlich ist, weil es sicher klappen müsste. Im Film mag es trivial sein, die richtige Rakete im zivilen Luftraum abzuschießen. In der Praxis ist es schwieriger. 

Gefahr von herabfallenden Trümmern

Nähert sich eine russischen X-22 Rakete und wird diese mit einer S-300 Rakete abgefangen, so treffen rund 10 Tonnen Material mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit aufeinander. Dass dies ein unglaubliches Trümmerfeld verursacht, kann man sich vorstellen. Die Trümmerteile können dabei auch groß und schwer sein und problemlos ein Wohnhaus durchschlagen. Wenn dies über einer Wohnsiedlung geschieht, wären zivile Opfer sehr wahrscheinlich.

Jedoch hat Israel das gleiche Problem mit kleineren Raketen, welche von den Terroristen aus Gaza und dem Libanon auf sie abgefeuert werden. Auch hier muss vom israelischen IronDome-System binnen Sekunden entschieden werden, ob die Rakete bewohntes Gebiet treffen würde, oder nicht. Die meisten Raketen der Terroristen fliegen jedoch ballistisch, erhalten also zu Beginn des Fluges kurz viel Energie, um zu starten, und folgen dann nur noch einer einfach zu berechnenden Kurve. Russland setzt teilweise ballistische Raketen ein – jedoch kommen diese kaum bis Polen. Eine Cruise Missile hingegen fliegt ähnlich wie ein Flugzeug auf einer nicht zu berechnenden Bahn. Derzeit fehlt die Möglichkeit, schnell und sicher genug zu berechnen, wo welche Teile einschlagen würden. Man müsste vorher Bereiche nahe der Grenze festlegen, welche definitiv unbewohnt sind und genug Platz für ein Trümmerfeld bieten.

Die Kosten

Um eine lückenlose Überwachung der Grenze sicherzustellen, müssten durchgehend mehrere Flugzeuge mit entsprechenden Frühwarnsystemen in der Luft sein. Diese müssten sofort Kampfjets hinzuziehen können, welche die Raketen abschießen. Zusätzlich könnten Systeme am Boden einige Bereiche abdecken. Doch die Flugzeuge müssen auch gewartet werden. Also bräuchte man permanent welche in der Luft und andere in der Wartung. Selbst dann wäre eine 100% Sicherheit nicht gewährleistet. Diese Kosten wären den Steuerzahlern kaum zu vermitteln. Ebenso wenig würde man erklären können, warum trotz dieser Kosten Einschläge möglich sind.

Dem Feind kein Wissen schenken

Was genau welcher Kampfjet, welche Rakete, welches Radar und welches System kann, ist auch heute nicht öffentlich bekannt. Es gibt einige Angaben, es gibt Erfahrungswerte, aber über die Details schweigen sich alle Beteiligten aus. Russland fliegt seit Jahren an den Rand des NATO-Luftraumes, um die Reaktionszeit zu testen. Sie messen auch, welche Radare sie wann wo erfassen können. Würde man durchgehend Waffensysteme im „Kriegsmodus“ nutzen, so könnte Russland präzise Daten sammeln. Im Falle einer Invasion der NATO-Staaten hätte Russland einen großen Wissensvorsprung. 

Die Gefahr einer Eskalation

Immer wieder wird argumentiert, dass das abschießen zu einer Eskalation führen könnte. Russland drohte dem Westen mit Atombomben, russische Soldaten vergewaltigen, ermorden und foltern täglich zu Tode. Sie haben einen Staudamm gesprengt und ein Atomkraftwerk vermint. Wohin genau sollte es noch eskalieren? Wir sind bereits am oberen Ende der Skala. 

Als die Türkei 2015 einen russischen Kampfjet abschoss, welcher Sekunden in ihrem Luftraum war, brach auch kein Krieg zwischen den Nationen aus.

Ergebnis

Auch, wenn man eine starke Regierung sein möchte und sich daher gegen dieses Eindringen wehren möchte, ist es nicht einfach umsetzbar. Zum einen würde man Russland als eine gewaltige und permanente Gefahr anerkennen. Dies könnte die Bevölkerung unnötig verunsichern. Man müsste hohe Kosten rechtfertigen und diese irgendwie finanzieren und man würde nur kaum einen Erfolg erzielen. „There eis no glory in prevention“ (Es gibt keinen Ruhm in der Prävention) nenne es die Amerikaner. Daher ergibt es innerhalb der derzeitigen Rahmenbedingungen keinen Sinn, die Raketen oder Drohnen abzuschießen, welche den Luftraum kurz verletzten. Eine Lösung könnte sein, die Raketen bereits im Ukrainischen Luftraum abzuschießen, wie es der polnische Vize-Verteidigungsmnister heute vorschlug.

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