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Road-Trip nach Kabul

Nach fünf Minuten Gespräch die erlösende Antwort: „OK, ich gebe Ihnen Ihr Visum für Afghanistan.“ Der afghanische Konsul in Dubai hat weniger zu tun als erwartet: Eine CNN-Kollegin möchte ein Visum, ein NGO-Mitarbeiter und der Geschäftsmann Fidelis Cloer, welchen ich bereits seit einer Woche begleite. Im Konsulat hängt ein Foto des letzten afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani an der Wand, auf dem Dach weht die afghanische Flagge. Wie es weiter geht, weiß hier niemand. Bis neue Anweisungen kommen, bleibt alles beim Alten. Auch in der Visa-Stelle.

Afghanistan

Visum

Das Visum zu erhalten hat zwei Stunden gedauert, 130 US$ gekostet und war unspektakulär. Schwieriger sollte die Reiseplanung werden. Fidelis Cloer entwickelt, baut und vertreibt seit mehr als dreißig Jahren gepanzerte Fahrzeuge. Mehr als 200 hat er an internationale Organisationen, welche in Afghanistan gearbeitet haben, verkauft. Das Reisebüro, welches seine Trips plant, ist solche Anfragen gewohnt. „Wir müssen so schnell wie möglich nach Kabul. Könnt Ihr das heraussuchen?“ – Die einzige Rückfrage des Reisebüros: „Mit Leihwagen oder ohne?“. Außenstehende mag so eine Rückfrage irritieren, aber in Kabul haben weiterhin Autovermietungen, Hotels, Shoppingcenter und Cafés geöffnet. Dort leben Menschen, dort gibt es einen Alltag, dort werden Geschäfte gemacht. Wandel heißt Gelegenheit. Wann immer sich ein System ändert, werden Dinge gebraucht und  Geschäfte gemacht. Die Frage ist nur: Was wird von wem zu welchem Preis benötigt? Genau deswegen tummeln sich bald wieder westliche Geschäftsleute abseits der Kameras in Afghanistan.

Reiseplanung

Es gibt drei Einreise-Optionen: Über Katar, Pakistan oder Usbekistan. Der Weg über Usbekistan ist der sicherste. Man kann mit dem Flugzeug nach Taschkent fliegen und von dort ein Taxi nehmen. Das klappt immer. Für Usbekistan braucht man vorab kein Visum. Sofern es Flüge gibt, kann man von Taschkent nach Termiz fliegen, dann die Grenze nach Afghanistan überqueren, mit dem Taxi nach Masar-I-Sharif fahren und von dort einen Flug nach Kabul nehmen. Fallen diese Flüge aus, bleibt man einfach im Taxi sitzen und fährt weiter. 

Man kann auch nach Pakistan fliegen und in Islamabad einen Flug nach Kabul nehmen. Sehr bequem, jedoch finden diese Flüge praktisch nicht statt, da der Bedarf zu gering ist. Da man für die Einreise nach Pakistan vorab ein Visum benötigt, würde man im Transit des Flughafens festhängen, bis es einen Flug gibt. Also keine gute Option.

Die einfachste Möglichkeit ist, von Doha aus mit der katarischen Luftwaffe nach Kabul zu kommen. Die Luftwaffe ist überraschend freundlich und hilfsbereit, aber leider finden derzeit keine Flüge statt, auf denen Zivilisten mitgenommen werden können. Daher fällt auch diese Option weg, und wir entscheiden uns für die Einreise über Taschkent. Da ich noch nie in Usbekistan und Afghanistan war, stört mich die Taxi fahrt auch nicht. 24h Road-Trip durch unbekannte Länder. 

Das Gepäck für diese Reise ist überschaubar. Neben Kleidung für diese Temperaturen kommt nur die große Fotokamera, ein Tablet und ein Handy mit. Sollte das Gepäck doch abhanden kommen oder Technik konfisziert werden, ist der Schaden überschaubar. 

Ein Rückflugticket haben wir nicht. Die Hoffnung ist groß, dass in den kommenden Tagen Flüge von Kabul ins Ausland stattfinden und wir uns den Road-Trip auf dem Rückweg sparen können. 

Abflug

Der Flughafen in Dubai strotzt vor Luxus, man kann sich auf einzelnen Liegen in einer Art Separee bedienen lassen, bis man zum Gate muss. An diversen Tresen gibt es Spezialitäten aus aller Welt  sowie  Alkohol und auch die Tabak-Einsätze für Elektrozigaretten. Von hier bringt uns sehr erste Flug nach Taschkent in Usbekistan. Auf dem Flug sind bereits viele Afghaninnen und Afghanen. Die Frauen tragen Kopftuch, aber keinen Schleier. Die Männer traditionelle afghanische Kleidung mit dem flachen Hut und nicht die Taliban typische Kleidung mit Turban.
Vor der Landung müssen kurze Einreiseformulare ausgefüllt werden. Die Afghanen vor mir deuten auf das Formular, auf ihren Pass und auf mich. Sie sind  Analphabeten und bitten mich, das Formular für sie auszufüllen. Das Formular muss unterschrieben werden, sie haben aber keine Unterschrift. In ihrem Pass ist daher einfach ein Fingerabdruck. Aus westlicher Sicht eine Seltenheit, auf so eine Situation zu treffen, hier aber normal. Man lässt das Feld für die Unterschrift leer oder setzt einen unklaren Kringel. Im Detail interessiert es das Gegenüber später eh nicht.

Domestic-Terminal in Taschkent

Die Einreise nach Usbekistan um drei Uhr morgens ist einfach, das Terminal klein und überschaubar. Da wir mit einer anderen Airline weiterfliegen, müssen wir unser Gepäck abholen und neu aufgeben. Dabei stellen wir fest, dass das Terminal für Inlandsflüge zwar das gleiche Rollfeld benutzt, jedoch auf der anderen Seite. Eine 20$ Taxifahrt von fünf Minuten bringt uns hin. Doch das Terminal ist zu, alles davor dunkel. Der Taxifahrer erklärt uns, dass das in Ordnung sei, wir sollen einfach klopfen. Und tatsächlich: Nach dem Klopfen am Wachhaus kommt ein verschlafener Wachmann zum Vorschein, der uns das Terminal öffnet, uns grob durchsucht und sich wieder schlafen legt.
Das Terminal besteht aus einer kleinen Wartehalle mit 50 Sitzen, Hinweisschilder auf eine Lounge und einen Supermarkt, die beide nicht mehr existieren, sowie einem Desinfektionsspender, von dem wir Ausschlag bekommen. Es gibt nichts zu Trinken oder zu Essen, nicht mal einen Automaten. Man kann sich auf den Sitzen auch nicht quer hinlegen, da die einzelnen Plätze durch Bügel getrennt sind. So versuchen wir, es uns irgendwie auf unserem Gepäck bequem zu machen und etwas zu schlafen. Um fünf Uhr kommen Mitarbeiter und schalten das Licht ein. Nach und nach erscheinen andere Gäste. Gegen sieben Uhr können wir für den Flug einchecken und in den Transit. Dort gibt es ein Kaffee mit Brötchen, eine Packung Snickers und Wasser. Man kann sogar mit Kreditkarte zahlen. Es gibt nur ein Gate und die Flüge werden nicht angesagt. Da es wenige sind, ist es aber einfach. 

Dieser Flug bringt uns von Taschkent nach Termez, der Grenzstadt zu Afghanistan. In Termez angekommen bieten Taxifahrer ihre Dienste an. Die Fahrt zur Grenze dauert 20 Minuten und soll 40$ kosten. Dort müssen wir das Taxi wechseln und jemand fährt uns fünf Minuten über die Grenze nach Afghanistan, das kostet weitere 50$. Die usbekische Armee kontrolliert die Pässe extrem genau, geht grob das Gepäck durch und wünscht uns viel Erfolg. Mit uns überqueren ein Fotojournalist aus Serbien und zwei junge Afghaninnen die Grenze. Auch sie tragen Kopftuch, aber keinen Schleier – und sie reisen alleine.

Einreise Afghanistan

Die Einreise nach Afghanistan ist unspektakulär. Die Grenze wird von Taliban kontrolliert. Im ersten Raum wird unser Name, Passnummer und Nationalität in ein Einreisebuch eingetragen. Dann erhalten wir den Stempel und sind offiziell eingereist. Anschließend wird das Gepäck durch einen Scanner geschoben. Es scheint, als würden die Taliban zwar auf den Monitor gucken, aber nicht wissen, was sie dort tun. Auf der anderen Seite fällt das Gepäck einfach auf den Boden. Man kann es aufheben und weitergehen. Und das war die ganze Einreise.

Vor dem Grenzposten befindet sich eine Art Bistro und einige Taxis. Unser Fahrer war bereits gestern aus Kabul gekommen und wartete hier auf uns. Er sagt, die Fahrt sei unproblematisch, aber lang. Die Straßen seien in den vergangenen Jahren kaum gewartet worden, daher im schlechten Zusatnd. Vor uns liegen neun Stunden fahrt in einem Toyota Corolla, in dem die hinteren Fenster nicht zu öffnen sind und dessen Klimaanlage keine wirkliche Funktion hat. Da unsere Koffer bereits den Kofferraum einnehmen, kommt das restliche Gepäck zu mir auf die Rückbank.  

Road-Trip nach Kabul

Verlassene Humvee der Amerikaner

Auf dem Weg nach Kabul passieren wir etliche Checkpoints der Taliban. Diese winken uns oft einfach durch, manchmal fragten sie, wer wir seien und wo wir her kommen. Den Ausweis will niemand sehen. Nach ihrem Verständnis haben sie das Land befreit, nun sei es sicher für Ausländer und diese würden sich wieder ins Land trauen. Viele der einfachen Soldaten haben keine gute Bildung und tun das, was ihnen aufgetragen wird. Der derzeitige Auftrag ist: Höflich sein, nicht negativ auffallen. Inzwischen wurde es ihnen auch verboten Selfies im Freizeitpark auf dem Kinderkarusell oder beim Tretboot fahren zu veröffentlichen, da das die Autorität der Kämpfer untergrabe.

Dass die Kommandokette funktioniert und sich die meisten Taliban diszipliniert an die aktuellen Vorgaben halten, zeigt sich auch in den kommenden Tagen. Gegenüber uns sind alle höflich. Das mag für diese Reise positiv wirken, heißt aber, dass die Taliban ihre Leute über alle Ebenen gut im Griff haben und diese nach ihren Wünschen führen können. Ändern sich die Befehle, so werden auch die neuen Befehle ohne Rückfrage ausgeführt. Man hat das Gefühl, dass die einfachen Soldaten Befehle von „Mädchenschule bauen“ bis „Mädchen verschwinden lassen“ gleichermaßen ausführen würden.
Immer wieder kommt es in Afghanistan vereinzelt zu Gräueltaten durch Taliban-Gruppen. Diese sind der Führung derzeit aber ein Dorn im Auge. Persönlich gesehen haben wir davon nichts. Priorität hat für die Taliban die internationale Anerkennung der Regierung, um Gelder aus dem Ausland zu erhalten und die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, um andere Gruppen von der Machtergreifung abzuhalten. Alles andere wird dem untergeordnet. Die Bevölkerung Afghanistans hat sich in 20 Jahren fast verdoppelt. Die Dürren werden immer schlimmer. Eine humanitäre Katastrophe ist absehbar.

Läden an der Strasse

Auf dem Weg nach Kabul halten wir immer wieder an kleinen Läden am Straßenrand an. Mal aus Lehm, mal aus Wellblech, mal ein umgebauter Container. Hier kann man Chips, Obst und Getränke kaufen – vieles aus dem Inland oder den Nachbarländern, westliche Marken sind eher selten.

Ein Laden wird von einer Familie mit zwei Töchtern im Grundschulalter betrieben. Diese kommen sofort zum Auto, um zu sehen, wer kommt. Über die offene Beifahrertür versuchen sie, sich mit mir zu unterhalten und ein Milch-Getränk zu verkaufen. Wir finden keine gemeinsame Sprache und selbstabgefüllte Dinge wie Milch, die in der Sonne standen, möchte ich lieber nicht anrühren. Sie sehen meine große Kamera und sagen „Selfie“, was wohl auf der ganzen Welt bekannt ist. Da sie sich bereits hinter mir positioniert haben, hatbe ich ein Selfie mit ihnen gemacht. Da sie mir hartnäckig das Getränk anbieten, steige ich aus um über den Fahrer mit den Eltern zu sprechen. Ich frage, ob die Mädchen in die Schule gehen. Die Eltern erklären, dass die Schule weit weg sei und ja auch keinen richtigen Sinn ergebe. Erstmal müsse man Geld verdienen. Ich frage, wie es mit dem Jungen nebenan aussieht. Der geht auch nicht zur Schule. Es gibt in Afghanistan viele Analphabeten in allen Altersgruppen. Bei Eltern ohne Schulbildung ein Interesse für Schule zu wecken, ist sicher eine schwierige Aufgabe. Es heißt, derzeit dürfen Mädchen weiter die Grundschule bis zur siebten Klasse besuchen.
Wir nehmen unsere Einkäufe, die wenige Dollar kosten und wollen ihnen ein großzügiges Trinkgeld geben. Dieses wird, wie so oft in diesen Gegenden, abgelehnt. Das hieße aus ihrer Sicht, dass sie ein Almosen erhalten. Das braucht man nur, wenn man keine ordentliche Leistung erbracht hat. Sie wollen aber mit der Ware handeln und selber Geld verdienen und nicht Almosen erhalten. So setzen wir unseren Weg über die löcherige Straße fort. 

Immer wieder sehen wir verlassene Militäranlagen oder zurückgelassene, gepanzerte Fahrzeuge der Amerikaner. In den Orten, die wir durchfahren, gibt es das übliche Straßenleben. Es bewegen sich zum größten Teil Männer auf der Straße. Frauen sieht man aber regelmäßig. Eine Burka tragen auf unserem Weg nur die Bettlerinnen, welche direkt an der Straße stehen. Die anderen Frauen haben weiterhin Kopftuch auf.

Kabul

Nach neun Stunden erreichen wir bereits im Dunkeln Kabul. Hier gibt es deutlich mehr Kontrollen der Taliban. Sobald klar ist, dass sich Ausländer im Auto befinden, kommt eine Art Vorgesetzter. Manchmal sprechen sie etwas Englisch, sonst winken sie höflich. Als ein Taliban unsere Koffer auslädt, um diese zu durchsuchen, wird ihm das von einem Vorgesetzten untersagt. Sorge macht uns am ehesten, dass die Taliban oft die Finger am Abzug der entsicherten Waffen haben, aber nicht darauf achten, wo diese hinzeigen. Sitzt man im Auto, hat man dauernd einen Lauf im Gesicht. Eigentlich sollte der Finger gestreckt, am Abzug vorbei zeigen und der Lauf der Waffe nach unten.

Angekommen im Haus, können wir problemlos Pizza bestellen, das Internet funktioniert und der Strom kommt vom Stadtnetz. Nebenan wohnt die Badri-Brigade, eine Eliteeinheiten der Taliban. Diese stellten sich vor und sagen, dass wir uns an sie wenden können, wenn wir Probleme haben. Die Taliban auf der anderen Seite hatten sich vergangene Woche einen Wasserkocher ausgeliehen und fragen, ob wir den zurück brauchen. Alles soll den Eindruck erwecken, man sei in einer ganz normalen Gegend angekommen.

Die Taliban haben also gelernt, dass westliche Normalität für den Westen wichtig ist. Auch in den kommenden Tagen und in Gesprächen mit Kollegen zeigt sich: Mit eigenen Augen sehen westliche Reporter hier fast nichts Negatives. Nur zwei Kollegen berichten, dass sie am Eingang zum Panjshir Tal am Filmen gehindert und mit Waffen bedroht worden sind.

Sonst wird alles ruhig und ordentlich dargestellt. Vielleicht wie die Ruhe vor dem Sturm. 

Hier geht es weiter zum zweiten Teil: Repo Man Kabul

Weitere Informationen erhalten Sie in unserem Afghanistan-Podcast

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