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Tiger – Kurdistans verbotener Energydrink

Aus Sicht vieler Deutscher ist der Irak ein Ort, an dem völlige Anarchie und Chaos herrscht – und in dem es keine Regeln gibt. Als dort 2017 der Energydrink „Wild Tiger“ verboten wurde, war klar: Dieser Drink ist härter als der Irak. Doch in der Autonomen Region Kurdistan, im Norden des Irak, war er weiterhin verfügbar, obwohl das Gesundheitsministerium dort auch einen Verkaufsstopp verhängt hatte.

Wild Tiger, üblicherweise nur „Tiger“ genannt, ist sozusagen der Drink zum Krieg gegen den IS. In jeder Stellung, in jeder Airbase und bei allen Journalisten fand man ihn. Für alle Beteiligten waren die Tage lang, die Nächte kurz und die Konzentration eingeschränkt. Beim ersten Schluck wird klar, das Zeug ist anders. Tiger verhält sich zu Red Bull, wie Red Bull zu Wasser. Das Gesundheitsministerium sagte, dass ein normaler und gesunder Erwachsener eine Dose vertragen sollte. Aber das dürfe nicht die Messlatte für ein Getränk sein. Bei den US-Marines nannte man es einfach „Koks in Dosen“. Die Kurden sagten: „Damit kann man mit 150 über die Landstraße rasen, auch wenn man das Auto vergessen hat.“

Es gab viele Gerüchte über die tatsächlichen Inhaltsstoffe. Der Koffeingehalt soll stellenweise bei 200mg pro Dose gelegen haben und es sollen Inhaltsstoffe aus Anti-ADHS-Medikamenten enthalten gewesen sein. Außerdem genug Zucker, um einem Elefanten Diabetes zu bescheren. Wirklich zuverlässige Quellen gibt es kaum.

Mossul: Selbst der Laden im Hintergrund verkauft Tiger

Alle, die im Krieg gegen den IS geholfen haben, werden in Kurdistan als Helden verehrt. An den Wänden der Cafés hängen Bilder von den Soldaten, in den Shoppingmalls gibt es ganze Läden mit passenden Tassen, T-Shirts und Handyhüllen und nicht selten sieht man auf dem einen oder anderen eine Dose Tiger.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es hält wach wie kein anderes Getränk, und die Empfehlung, nicht zu viel zu trinken, sollte man ernst nehmen. Ich kann problemlos dosenweise Red Bull oder tassenweise Espresso trinken. Nach einigen Dosen Tiger kann ich aber kaum noch gerade sitzen, bekomme Herzrasen, und habe das Gefühl, mein Gehirn geht an die Lastgrenze. 

Als ich wochenlang von der IS-Front berichtete, konnte ich die Beliebtheit gut nachvollziehen. Auch nach 15 Stunden im Gelände und einer langen Autofahrt konnte man noch problemlos seine Artikel schreiben. Sobald die Wirkung des Drinks nachließ, ist man einfach ins Bett gefallen und konnte exzellent schlafen.

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