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Peschmerga haben nie Waffen der Bundeswehr verkauft

Deutsche Medien, wie der NDR, der WDR, die Tagesthemen und die Deutsche Welle verbreiteten mehrfach, die kurdischen Peschmerga wären nicht in der Lage, den Verbleib deutscher Waffen zu kontrollieren und würden diese in Kurdistan auf dem Basar verkaufen. Alle anderen Medien schrieben dort ab. Dabei konnten die deutschen Journalisten keine Belege für ihre Behauptungen liefern. Auf Vorhalte reagierten Sie nicht, weil man „denen da unten“ sowieso nicht glauben könne. Ich recherchiere jetzt seit fünf Jahren immer wieder und lege hier die Fakten vor.

Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ vom 4. bis 10. Juni 2014 die irakische Stadt Mossul überfiel, sie unter ihre Kontrolle brachte und die Banken ausraubte, befanden sich die Kurden im Irak nur eine Autostunde östlich dieser Stadt – ohne internationale Hilfe. Es ging den Kurden in der Autonomen Region Kurdistan (Irak) genau so, wie es bereits vorher den Kurden in Syrien ging. In Syrien hatte die kurdische Volksbefreiungseinheit YPG seit Monaten ohne Hilfe von außen den Kampf gegen den Islamischen Staat aufgenommen. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi rief dann am 29. Juni 2014 in Mossul das Kalifat aus. Ich war im Januar 2020 in seinen ehemaligen Räumen und denen seines Sicherheitsdienstes. 

Waffen zur Verteidigung gegen den vorrückenden Islamischen Staat

Die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak verfügt gemäß irakischer Verfassung über eine eigene Regierung und eigene Sicherheitskräfte. Dabei ist die Grenze zur Zentralregierung in Bagdad theoretisch eindeutig geregelt, in der Praxis aber flexibel. Es gibt mehrheitlich kurdisch bewohnte Gebiete unter zentral-irakischer Kontrolle, welche „umstrittene Gebiete“ genannt werden, disputed areas. Der IS stand in diesen umstrittenen Gebieten, aber noch nicht in Kurdistan Irak. 

Da formal alle Waffeneinkäufe der Kurden über die Zentralregierung in Bagdad laufen müssen, Bagdad dem Einkaufen aber nicht zustimmt, sind die Kurden de facto vom legalen internationalen Waffenmarkt abgeschnitten. An illegalen Aktivitäten möchte man sich bis heute nicht beteiligen und lebt mit dem Problem. Alliierte gibt es wenige. Zunächst lieferte die türkische Armee schnell und unkompliziert Waffen, Munition und Ausbilder. Unter den gelieferten Waffen befanden sich auch deutsche Waffen, welche die türkische Armee seit Jahrzehnten kauft. Die türkische Armee verfügt auch über Waffen fremder Armeen, die sie von der PKK in der Türkei und YPG in Syrien erbeutet hat, welche diese wiederum von anderen Armeen erbeutet hatten. Beim Auffinden einer solchen Waffe den genauen Weg sowie die (Il-)Legalität festzustellen, ist nahezu unmöglich. 

2014 – Kämpfen ohne brauchbare Waffen

Ich war bereits im Juni 2014 vor Ort und stieß bei den Recherchen zum gerade beginnenden Krieg bis in den letzten noch nicht besetzen Vorort Mossuls vor. Dass der Mangel an Waffen dramatische Folgen hatte, wurde hier schnell klar. Der Mossul-Damm, welcher nördlich der Stadt liegt, war auf der westlichen Seite bereits vom IS eingenommen, die östliche Seite wurde von den Peschmerga gehalten, der Armee der Autonomen Region Kurdistans und teils zur der Zeit noch von irakischen Streitkräfte. Der strategisch und wirtschaftlich wichtige Damm liegt am Ende eines riesigen Stausees.

Die Peschmerga verfügten kaum über schusssichere Westen und fast gar keine Helme und hatten ein Sammelsurium von oft alten AK-47 Kalaschnikow-Sturmgewehren, sowjetischen Dragunov Scharfschützengewehre oder auch M4 und M16 Sturmgewehre, welche die Amerikaner in verschiedenen Kriegen zurückgelassen hatten. Alles erprobte und zuverlässige Waffen. Aber keine, die an diesem Damm etwas brachten. Wenn die Peschmerga versuchten, den Damm einzunehmen, schoss der IS von der anderen Seite mit alten, großkalibrigen russischen DSchK-Maschinengewehren. Diese können auch einfach gepanzerte Fahrzeuge durchschlagen. Man brauchte also nur zwei Kämpfer und ein schweres MG hinter einer dicken Stahlplatte, um den Damm zu halten, aber man hätte auf der anderen Seite einen Raketenwerfer oder einen Luftschlag gebraucht, um diese winzige „Stellung“ auszuschalten. 

Ähnlich war das Problem der „Mad-Max-Cars“ des IS. Gemeint sind improvisierte, gepanzerte, fahrende Bomben – ein Auto mit Panzerplatten außen und Sprengstoff innen. Damit fuhr ein Selbstmordattentäter einfach in eine Stellung der Peschmerga und zündete dann den Sprengsatz. Ohne Panzerabwehrwaffe war es unmöglich, eine solche fahrende Selbstmordbombe aufzuhalten. Ein sehr triviales, doch in diesem Moment unlösbares Problem. Und von dieser Art gab es hunderte weitere. 

Im Juni 2014 traf ich den Kommandeur einer Antiterroreinheit, welcher mir das Problem im Detail erklärte. Als ich im Januar 2015 zurückkehrte, besuchte ich sein Grab. Ein Mad-Max-Car kam durch die Wüste auf seinen Stützpunkt zugefahren. Er sprang sofort in einen Pickup, fuhr dem Wagen entgegen, rammte ihn und brachte ihn dabei zur Explosion. Er rettete durch seinen Einsatz Dutzenden das Leben – und hinterließ seine Frau und drei kleine Kinder.

Die erste militärische Unterstützung

Nach den türkischen Waffen folgten die der Amerikaner, welche auch Ausbilder und Truppen ins Land brachten, dafür aber politische Gegenleistungen erwarteten. Israel hatte seine Ausbilder der Peschmerga-Armee bereits vorher im Land und erhöhte sein Engagement. China bot zunächst Hilfe im Austausch gegen Bodenschätze an, zog sein Angebot dann jedoch zurück. Die Gespräche mit der deutschen Bundesregierung zogen sich, verliefen aber für deutsche Verhältnisse schnell. Die Bundesregierung lieferte noch im Jahr 2014 etliche Waffen. Vor allem das Sturmgewehr G36 sowie die Panzerabwehrwaffe („Raketenwerfer“) MILAN mit Nachtsicht-Zieloptik. Mit genau diesem Raketenwerfer konnte man nun Mad-Max-Cars und ähnliche Angriffe bekämpfen und musste nicht mehr sein Leben für das der Kameraden geben. Mit diesem Wissen verwundert es wenig, dass in Kurdistan Neugeborene „Milan“, „Angela“ oder „Ursula“ genannt wurden. Die Bundeskanzlerin und die damalige Verteidigungsministerin galten hier als Helden. Aus der Sicht der Kurden starke Frauen, die in Europa ein Land und eine Armee regierten und die verstanden hatten, wie wichtig der Kampf gegen den terroristischen Islamischen Staat ist. Mit beiden sprach ich damals, beiden lag es ehrlich am Herzen, weitere Waisenkinder zu vermeiden. Denn die entstehen durch einen Mangel an bestimmten Waffen in bestimmten Momenten in Kombination mit einem Gegner, der sich nichts weniger als die Vernichtung aller Andersdenkender vorgenommen hat.

Zu der Zeit entstand auch die Diskussion, ob das G36 in der Wüste zuverlässig funktioniere oder nicht. Ich hatte die deutschen Waffen vor Ort gesehen und mit den Peschmerga gesprochen, die sie nutzten. Ich habe auch selber baugleiche Waffen in der Wüste getestet, um mir ein Bild der Lage zu machen. Sie funktionierten gut, wenn man die Waffen mit der richtigen Munition und in der richtigen Weise einsetzt. Mich wunderte, wie viele der Journalisten-Kollegen in Deutschland die Geschichte mit den Ladehemmungen brachten, ohne sie einem Faktencheck zu unterziehen. Auf der anderen Seite wurde ich dafür angegriffen, genau diesen zu machen. Man müsse dafür schon „waffengeil“ sein oder ein „Waffen-Narr“. Ich sehe es anders: Ich prüfe gerne Fakten. Nicht mehr und nicht weniger. Ein G36 würde ich sonst nie in die Hand nehmen, es beeindruckt mich technisch wenig. 

„Peschmerga verkaufen deutsche Waffen auf dem Basar“

Nachdem die deutschen Waffen geliefert, verteilt und die Benutzer darin eingewiesen worden waren, wollte ich erneut nach Kurdistan reisen, um mir das ganze in der Praxis anzusehen. Während ich vor Ort war, wurde in Deutschland ein Artikel veröffentlicht in dem es hieß, die Peschmerga würde die gerade von der Bundeswehr gelieferten Waffen direkt wieder auf dem Basar verkaufen. In der Pressemitteilung heißt es „(…) so die Recherchen, verkaufen Peschmerga-Kämpfer ihre Dienstwaffen, weil sie wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage im Land seit Monaten keinen Sold erhalten haben. (…) Sturmgewehre vom Typ G3, Baujahr 1986, werden auf den Märkten zu einem Preis von 1450 bis 1800 US-Dollar angeboten. (…) eine Endverbleibskontrolle scheint damit für die Bundesregierung nicht möglich zu sein.“

Die Deutsche Welle berichtet am 21. Januar 2016: „Der Gouverneur der Provinz von Kirkuk, Nadschmeddin Karim, bestätigte, die kurdische Regierung sei mangels finanzieller Mittel nicht in der Lage, Staatsbedienstete – darunter auch die Peschmerga-Kämpfer – regelmäßig zu bezahlen.“ 

Wenige Zeilen, die in Deutschland einschlugen wie eine Bombe. Alle Zeitungen und Nachrichtensendungen stürzten sich drauf. Wirklich alle berichteten es genau so. Ist also davon auszugehen, dass alle diese Medien zwei unabhängige Quellen für diese Geschichte hatten und möglicherweise selber einen Faktencheck durchgeführt haben, so wie es die Berufsethik verlangt?

Es sollte mich fünf Jahre, mehr als hundert Gespräche, tausende Seiten Unterlagen studieren und mehrere Reisen in die Region kosten, um die ganze Geschichte aufzuarbeiten. Um eines vorweg zu nehmen: Ich kann sie nach üblichen journalistischen Standards nicht bestätigen.

Ich war genau zu diesem Zeitpunkt in Kurdistan und hatte Zweifel an der Geschichte, da sie mir im Kern unlogisch erschien. Die Peschmerga standen relativ alleine einem skrupellosen und übermächtigen Feind gegenüber. Nach zähen Verhandlungen erhielten sie wenige Waffen von der Bundesregierung. Warum sollte man diese postwendend verkaufen – und an wen? Die Folgen sind hier in Kurdistan allen Leuten klar, dass der illegale Verkauf dieser Waffen den sofortigen Stop weiterer Lieferungen zur Folge gehabt hätte. Zu der Zeit liefen in Kurdistan in allen Cafés, Zuhause und in vielen Geschäften permanent die Nachrichten von der Front, aus dem Rest der Welt, einfach über alles. Die normalen Leute auf der Straße waren oft überraschend gut über Details der deutschen Waffen- und der Flüchtlingspolitik informiert. Und sie wollten ihr Land erhalten und schützen. Auch 2014 hatten die Freizeitparks, Shoppingmalls und Cafés überall normal geöffnet. Die Menschen sind zur Arbeit gegangen, haben Geld verdient, sind zum Feiern in Clubs gegangen. Es gab und gibt Autohändler von Jaguar bis Kia. Mag sein, dass viele Deutsche ein bizarres Bild von Kurdistan im Kopf haben, aber das Land ist genau so mit schnellem mobilem Internet versorgt, auch in den Außenbereichen. Die Menschen sind wie in Europa auch. Viele waren in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern. Man lebt in Kurdistan nicht hinterm Mond.

Zunächst kontaktierte ich einige deutsche Journalisten der großen Zeitungen sowie der öffentlich rechtlichen Medien, fragte sie nach ihren Quellen und erklärte, dass ich vor Ort einen anderen Eindruck hätte und der Sache mit den angeblich verkauften Waffen gerne auf den Grund gehen würde. Alle Rückmeldungen waren ernüchternd. Die meisten Artikel beruhten auf „Recherchen der Kollegen“ – gemeint ist das Lesen und zusammenfassen fremder Artikel. In der Schule nannte man das noch Abschreiben. Eigene Recherchen oder gar einen Faktenchecks gab es nicht. Eine zweite Quelle auch nicht. Oft hieß es, es gäbe zwei Quellen, da ja zwei Reporter zusammen den ursprünglichen und oft kopierten Artikel geschrieben hatten. Damit seien es zwei Quellen. Eine sehr interessante Auslegung dieser Regeln. Spannend auch, dass die US-Kollegen die Geschichte nicht mit der Kneifzange anfassen wollten. Ich fragte bei einigen großen Medien an. Diese sagten alle, es handele sich um eine nicht verifizierbare Einzelquelle. „Nicht besser, als ein Tweet ohne weitere Links“, nannte es ein CNN-Kollege. 

Also kontaktierte ich die kurdischen Behörden und auch den zitierten Gouverneur, der mit Vornamen Najmaldin heißt und nicht Nadschmeddin. Er sagte, er wisse nichts von einem Gespräch mit diesen Journalisten. Er gab daraufhin selbst sofort eine Pressemitteilung raus in der es hieß: „Der Gouverneur lehnt den DW-Bericht ‚kategorisch‘ als falsch ab“. Ein journalistischer Totalschaden. Der Zitatgeber der Deutschen Welle ließ schwarz auf weiß wissen, dass der öffentlich-rechtliche deutsche Sender lügt.

Weiter teilte er mit: „Die Untersuchung wurde von zwei deutschen Sendern, NDR und WDR, durchgeführt, die kurdische Waffenmärkte besuchten, welche deutsche Gewehre in den Auslagen hatten. Der Bericht zitiert keine Peschmerga oder Waffenhändler, die behaupten, sie hätten neu gelieferte deutsche Waffen verkauft.“

Ich konfrontierte die Deutsche Welle damit und mit der Tatsache, dass sie seinen Namen falsch schreiben. Der Gouverneur ist von Beruf Chirurg. Dr. Najmaldin Karim leitete die Notaufnahme, als der amerikanische Präsident Ronald Reagan nach seinem Attentat eingeliefert wurde. Er ist US-amerikanischer Staatsbürger. Daher muss man seinen Namen auch nicht transkribieren, sondern nur aus seinem Pass abschreiben. Es gibt da keine Auslegung. Die Antwort der Deutschen Welle war lapidar:  „Artikel hierzu erschienen so ähnlich auch in anderen Medien: WeltFocusN-TVFAZ. In all diesen Artikeln ist einer der O-Ton Geber ein Nadschmeddin Karim – in ebendieser Schreibweise. Sollte Herr Najmaldin/Nadschmeddin nach so langer Zeit nicht mehr so zitiert werden wollen, kann er sich gerne bei uns melden.“ Bis heute wurde der Artikel der DW nicht korrigiert. Dr. Najmaldin Karim wird sich nicht mehr melden. Er ist inzwischen verstorben.

Um diese Geschichte auch inhaltlich richtig aufzulösen und zu erläutern, dass der Gouverneur den Sachverhalt damals richtig erklärt hatte, muss man wissen, dass das Gehalt der Peschmerga von der irakischen Zentralregierung in Bagdad bezahlt wird – oder bezahlt werden müsste. Wenn man aber als Journalist den Zusammenhang nicht kennt und auch nicht nachfragt, kommt man zu einem entstellenden, falschen Ergebnis. Es wirkt so, als hätte die kurdische Regierung den kurdischen Peschmerga-Soldaten kein Gehalt gezahlt und deswegen müssten sie die deutschen Waffen zu Geld machen. 

Ein zweiter Vorwurf im Artikel lautet, dass man den Verbleib der Waffen nicht prüfen könne. Als ich vor Ort war, fragte ich damals die kurdische Regionalregierung gleich, ob ich das prüfen könne. Es dauerte einige Stunden, dann wurde mir mitgeteilt, wo ich in Erbil die komplette Liste der Waffen und die Zuordnung zu den Einheiten sehen könne. Nur Aufzeichnungen oder eine Wiedergabe der Liste waren nicht gestattet, da es nur wenige MILAN gab und man dem IS keine Information geben wollte, wo die Raketenwerfer im Einsatz waren. 

Unter Feuer

Da Papier geduldig ist, wollte ich diese Systeme in der Praxis sehen. Auch das wurde mir gestattet. Da wir dazu sehr dicht an das vom IS eroberte Gebiet mussten, wurde mir ein geschützter Konvoi zur Verfügung gestellt, der mich auf dem schnellsten Weg zu von mir ausgesuchten Orten brachte. Auch das umkämpfte Gebiet um den Ort Shingal befand sich darunter. 

Dort sahen wir ein Gefecht, bei dem ein Silogebäude vom Islamischen Staat beschossen wurde, der IS hier angeblich eigentlich besiegt sein sollte. Silos können eine ungeheure Explosion auslösen. Wir selbst wurden kurz darauf auf einer Serpentinenstraße beschossen. Mein Konvoi konnte nicht ausweichen. Es gab kein Vor und kein Zurück. In dieser Situation rette uns eine Peschmerga-Stellung weiter oben auf dem Berg mit einem Raketenwerfer. Wie sich herausstellte, war es ein MILAN System. Ich konnte den sich abspulenden Lenkdraht des Flugkörpers wahrnehmen. So hatte ich also den Einsatz der Boden-Boden-Panzerabwehrlenkwaffe gesehen – wenn auch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich nahm nicht nur ich diese Angebot wahr, sondern zu anderer Zeit auch andere Journalisten wie Claas Weinmann und Tobias Huch. Alle konnten die Systeme in der Praxis sehen. Auch deutsche Sicherheitskräfte kontrollierten immer wieder einzelne Peschmerga-Stellungen. Man spricht in der Bundesregierung ungerne darüber, liest aber gerne deren Berichte. Ich traf durch Zufall auf ein Fahrzeug dieser „Inspekteure“, als ich mich 2015 in einem Frontabschnitt befand. 

Später berichteten einige Zeitungen auch, dass das MILAN System von den kurdischen Peschmerga an die YPG in Syrien „verschenkt“ worden sei. Es gab zwei „Beweisbilder“. Das eine zeigte ein MILAN System im syrischen Kobane, das andere ein MILAN System an einem unbekannten Ort, eingesetzt durch YPG Kräfte. Das erste Foto war sehr einfach zu erklären: Die Peschmerga erhielten von der türkischen Regierung die Erlaubnis von Kurdistan-Irak durch die Türkei nach Syrien zu fahren, um dort der YPG zu helfen, den Islamischen Staat zu besiegen. Ein historisch einmaliger Moment, der in keines der Klischees der türkisch-kurdischen Beziehungen passt. Dieser Einsatz war mit allen Beteiligten abgestimmt und genehmigt. 

Das andere Foto ist ebenso einfach, wenn auch anders zu erklären: Das MILAN-System bei der YPG hat oben etwas, was wie eine dunkele, große Glühbirne aussieht. Das ist die Kühl-Kartusche für die Nachtsicht-Zieloptik. Sie ist nicht wiederverwendbar, aber fast geräuschlos. Es gibt eine zweite Variante mit einem Kompressor, etwa so groß und eckig wie eine Milchtüte. Dieser ist wiederverwendbar und macht Geräusche. Bei der Entwicklung war man sich nicht einig, welche Lösung die bessere sei, und so gab es zwei parallele Systeme. Die Einweg-Kartusche wird beim französischen System verwendet, welches Frankreich auch an die syrische Armee verkauft hat, von der es die YPG erbeutet hat. Der Mehrweg-Kompressor wird in der deutschen Variante verwendet, welche an die Peschmerga geliefert wurde. Dieses „Fachwissen“ kann man der Wikipedia-Seite zum MILAN-System entnehmen.

Der Kern der Geschichte besteht aber im Verkauf von Bundeswehrwaffen aus der aktuellen Lieferung durch Peschmerga an Dritte. Dies stellt auch in Kurdistan-Irak eine Straftat dar. Also fragte ich 2016 bei den Behörden den Stand der Dinge an. Die Polizei in der Regionalhauptstadt Erbil teilte mir umgehend mit, dass die Ermittlungen vom Asayhes geführt werden. Dies ist eine Mischung aus Ermittlungsbehörde und Nachrichtendienst. Mitarbeiter von Asayhes teilten mir recht offen den Stand der Ermittlungen mit und fragten, ob ich denn nicht die Unterlagen der Bundesregierung dazu habe. Schließlich habe es dort eigene Untersuchungen und eine Besprechung im Verteidigungsausschuss gegeben, bei der auch Vertreter der kurdischen Regionalregierung anwesende gewesen sein sollen. Das Ergebnis dort war, so hieß es aus Kreisen der Sicherheitsbehörden: „Wir haben nichts gefunden, was auf einen Verkauf der Waffen durch die Peschmerga hinweist.“

Bekannt sei der Verlust von vier Waffen: Drei Sturmgewehre G36 sowie ein eine Pistole P1. Zunächst stellt sich die Frage: Ist die Geschichte überhaupt relevant? Vier Waffen in einem Gebiet, was seit Jahrhunderten von einem Krieg nach dem anderen durchzogen wird? Für einen Krieg hat es keine Relevanz. Ist es einmalig? Auch nicht. Die USA vermissen alleine in Afghanistan und im Irak 700.000 Waffen – in Worten: Siebenhunderttausend. Das heißt, dass in diesen Ländern 1% der Bevölkerung über eine US-Waffe verfügen könnte. 

Die Bundeswehr hat auch regelmäßig Waffen verloren, es wurden welche gestohlen und auch verkauft. Es gibt eben überall Kriminelle.

Von den vier verlorenen Waffen ist der Verbleib aller Waffen bekannt: Die drei G36 wurden bei einem Angriff auf einen Peschmergaposten in Kirkuk zerstört. Sieben Peschmerga starben dabei. Die  Waffenteile wurden später geborgen und dokumentiert, die Fotos den deutschen Behörden übergeben. Eine Pistole P1 wurde von einem Peschmerga korrekt als im Einsatz verloren gemeldet. Sie tauchte tatsächlich auf einem Markt auf, wurde aber nie verkauft, sondern beschlagnahmt. Der lizenzierte Waffenhändler konnte den Ankauf der Waffe korrekt belegen. Er hatte sie nicht von einem kurdischen Soldaten, sondern von einem syrischen Araber gekauft, welcher vor dem IS fliehen und seine Heimat verlassen musste. Er wiederum gab zu Protokoll, die Waffe gefunden zu haben – in der Region, in der sie einige Zeit vorher als im Einsatz verloren gemeldet wurde. Zum Zeitpunkt des Verlustes wurde dort gekämpft, gefunden wurde sie, als das Gebiet vom IS befreit war. 

In einigen Berichten taucht auch ein G3-Sturmgewehr auf, welches von einem Peschmerga angeboten worden sein soll. Auch hier sind den kurdischen Behörden Verkäufer und Waffe bekannt. Der Verkäufer war nie Peschmerga, auch er ist lizenzierter Waffenhändler, auch er konnte den Ankauf korrekt nachweisen. Die Waffe stammt nicht aus der Lieferung der Bundeswehr, sondern aus einem Nachbarland, welches mir bekannt ist, welches ich aus sachpolitischen Zwängen aber nicht nennen kann. Der exakte Weg der Waffe konnte jedoch nicht nachvollzogen werden. Die türkische Armee erhielt immer wieder Waffen aus Bundeswehr und ex-NVA beständen. Sowohl die Türkei als auch der Iran produzieren das G3 in Lizenz.

Die Polizei in Erbil, als auch Asayesh sowie das Peschmergaministerium erklärten mir, dass sie außer meiner Anfrage noch keine weitere aus Deutschland erhalten haben. An einem Faktencheck war also sonst bisher niemand interessiert. 

Wieder fragte ich bei Kollegen an, warum man diesen Faktencheck nicht gemacht habe. Die Antwort war oft erschreckend rassistisch: „HAHAHA! Denen kann man doch eh kein Wort glauben!“ Es gibt sicher staatliche Stellen, denen man wenig vertrauen kann. Zum Beispiel, wenn man in der DDR nach der Opposition gefragt hat oder wenn man in Nordkorea nach Menschenrechten fragt. Aber was ist die Datenbasis für das Misstrauen gegenüber den kurdisch-irakischen Behörden? Auf Nachfrage: Keine. Es ist eher so ein Gefühl, dass man „denen“ da unten halt nicht trauen könne. „Den Irakis konnte man noch nie wirklich trauen“, teilte mir der Nahostexperte eines großen Magazins mit. Alleine „Irakis“ und Kurden in einen Topf zu werfen spricht Bände. Die irakische Armee hat noch in den 1980er Jahren Kurden vergast und lebendig beerdigt. 2017 standen sich die Armeen das letzte Mal an der inländischen Grenze gegenüber. Schwierig, diese Parteien als gleich anzusehen, dann noch als Ressortleiter. 

Internationale Zusammenarbeit basiert wie jegliche Beziehungen zwischen Menschen vor allem auf Vertrauen. Als sich 2018 der Kindermörder Ali B. aus Deutschland nach Kurdistan-Irak absetzen wollte, wurden alle Checkpoints, also inländische Militärkontrollstellen, auf den wichtigen Straßen sofort informiert. Es dauerte weniger als 48 Stunden bis die kurdischen Behörden ihn gefasst und in eine Lufthansa-Maschine nach Frankfurt verfrachtet hatten. Das klingt eher, als seien sie sehr zuverlässige Partner.

Was bleibt also von der Headline? Statt „Peschmerga verkauften die Waffen der Bundeswehr“ müsste es heißen „Eine im Einsatz verlorengegangen Waffe eines Soldaten wurde auf einem Markt von einem Händler beschlagnahmt, der diese nach den geltenden Standards korrekt erworben hatte“. Das klingt aber nicht so reißerisch.

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