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Wenig Wissen über „die Amis“ im Irak

In Syrien und im Irak kämpft seit sieben Jahren eine US-Arabisch-Europäische Koalition gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Die meisten Deutschen kennen diese Koalition und den Einsatzzweck kaum und es gibt deswegen keine richtige öffentliche Meinung dazu. Nicht zuletzt, weil die Deutschen nicht einmal daran beteiligt sind und sie nicht mitfinanzieren. Dabei wurden und werden durch diesen Einsatz Terroristen daran gehindert nach Europa zu kommen – die USA sind weit weniger gefährdet, machen aber 80% des Einsatzes aus und zahlen einen wesentlichen Teil davon.

In den vergangenen Wochen habe ich mit zahlreichen Sicherheitskräften gesprochen, die in Kurdistan-Irak im Einsatz sind. Von einfachen kurdischen Soldaten bis hin zu westlichen Generälen. Und ich habe viel erlebt – von entspannten Gesprächen im Café bis hin zu Raketeneinschlägen. Die Lage adäquat zusammenzufassen ist gar nicht so einfach, weil die Fronten und Koalitionen sich laufend verschieben.

Transportmaschine im Anflug

Wer gehört zur Operation OIR?

„Hey, ich bin auch in Erbil, willst du mal rüber kommen?“ – fragt mich ein General, welcher derzeit zur Führung Combined Joint Task Force – Operation Inherent Resolve, kurz OIR, gehört. Dabei handelt es sich um eine Koalition, welche 2014 für den Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gebildet wurde. Die Operation setzt sich zusammen aus Streitkräften der USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Belgien, der Türkei, Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jordanien sowie den lokalen Partnern der kurdischen Peschmerga, der irakischen Armee und auch den Syrian Democratic Forces, welche von der kurdischen YPG geführt werden. Vor Ort nennt man sie „die Koalition“, in Deutschland oft einfach „die Amis“. Es gibt eine Mission der Bundeswehr über Syrien und im Irak und Jordanien, welche bis zu 500 Soldatinnen und Soldaten umfasst. Ihr Mandat umfasst jedoch nicht den direkten Kampf gegen die Terroristen. Die Ausbildung findet im Rahmen der OIR und der parallelen „Nato Mission in Iraq“ (NMI) statt. Die Bundeswehr betreibt Luftraumüberwachung vom Irak aus und betankt Kampfjets in der Luft.

Selbst zwischen den Beteiligten der OIR gibt es genug Probleme. So hat die irakische Armee Ende 2017 die Peschmerga, also die kurdische Armee im Norden des Irak angegriffen. Die türkische Armee hat wiederum die YPG in Syrien angegriffen. Peschmerga und türkische Armee kommen hingegen miteinander aus. 

Ihnen gegenüber steht die Terrororganisation Islamischer Staat, welche die Welt von 2014 bis 2016 in Atem hielt und welche danach in Europa fast in Vergessenheit geriet. Es lebten bis zu acht Millionen Menschen auf 110 Millionen Quadratkilometern unter den Terroristen, fast so groß wie die Bundesrepublik. Unzählige wurden getötet oder gelten als verschollen, der Rest wurde befreit, das Territorium militärisch zurück erobert. 

Wurde der IS nicht besiegt?

„Die Leute meinen, der IS sei besiegt und fragen uns, was wir mit knapp 3.000 Soldaten hier sollen. Sie denken, hier steht an jeder Ecke einer.“ – erklärt mir der General. Dass der IS fast keine Bedeutung mehr hat stimmt, aber er hat das Potential immer wieder groß zu werden. Blickt man auf die Krisenkarte LiveUA Map, so findet man nahezu täglich Angriffe durch den IS. Und rund 3.000 Soldaten klingt viel, ist in der Praxis aber wenig. In Schichten eingeteilt, Wochenende und Urlaub abgezogen, bleiben deutlich weniger als 1.000 übrig, die gleichzeitig im Dienst sind. Also Faustformel gilt, dass man 100 Soldaten braucht um einen Kampfjet zu betreiben – vom Piloten bis zur Küchenhilfe. 

Früher waren viele der Soldaten hier Spezialisten – sie hatten einen Aufgabenbereich, den sie permanent bedient haben. Andere Aufgaben als die ihnen zugeteilte hatten sie nicht. Den Luxus kann man sich mit so einer abgespeckten Truppe nicht mehr erlauben. Alle hier haben mehrere Qualifikationen. Selbst das medizinische Personal muss einen weiten Bereich abdecken können. Gerade bei den Briten und Amerikaner sieht man das ungern, hat sich aber immer mehr daran gewöhnt. 

Airbase der Koalition in Erbil

Transportmaschine auf der Airbase Erbil

Einer der größten Standorte ist derzeit die kurdische Hauptstadt Erbil im Norden des Irak. Hier liegt die selbstverwaltete Autonome Region Kurdistan, welche mit den Peschmerga über eine eigene Armee verfügt. Direkt angrenzend an den Internationalen Flughafen liegt die US Airbase, welche inzwischen mehr als zehn mal so groß ist, wie der zivile Flughafen. So weit das Auge reicht, stehen gepanzerte Fahrzeuge, Kampf- und Transporthubschrauber, Transportflugzeuge, Aufklärungsflugzeuge in allen Größenordnungen und Drohnen. Mitten drin wird ein Bereich gereinigt. Hier ist am vergangen Montag erstmals eine Rakete der vom Iran gesteuerten schiitischen Milizen eingeschlagen. 

Ein großer Teil der Arbeit hier dreht sich um sie Beschaffung und Auswertung von Informationen. Die kleinen Beechcraft Spionageflugzeuge drehen rund um die Uhr ihre Runden, fangen Kommunikation vom Boden auf und beobachten alles sehr genau. Die Hubschrauber bringen in erster Linie Truppen und deren Versorgung nach Syrien und andere Bereiche Kurdistans. Auch, wenn man hier mit wenig Personal auskommen möchte, müssen doch viele in der Verwaltung arbeiten: Lagerverwaltung, Wäscherei, Küche, Poststelle, Fuhrparkmanagement, Mechaniker für alle Geräte, Ausbilder, Kontaktbeamte und natürlich benötigt man auch Zeit für die Gespräche mit Leuten wie mir.

Aus der Ferne recherchieren

Screenshot FlightRadar24

Aus der Ferne ist es immer schwer, die Lage vor Ort einzuschätzen. Man erhält nur die offiziellen Antworten, inoffiziell möchte sich niemand äußern. Auch nicht im privaten Chat oder per Telefon. Die Sorge, das Gegenüber könnte etwas aufzeichnen, ist zu groß. Mit öffentlichen Quellen wie der LiveUA Map oder der Flugzeugverfolgung FlightRadar24 kann man sich ein Bild der Lage machen, mehr aber auch nicht. Gerade militärische Flugzeuge werden freiwillig von Diensten wie Flightradar gefiltert. Es ist einfach, die öffentlich gesendeten Informationen der Flugzeuge mittels eines ADS-B Empfängers aufzuschnappen und so wenigstens die Kennungen der Flugzeuge zu sehen. Diese Ausrüstung kostet weniger als 100€ und ist so groß wie ein Taschenbuch.

Vor Ort sein

Mit Blick auf die Airbase recherchieren

Doch dafür muss man vor Ort sein. Und die meisten Kampfjets, Helikopter und Drohnen senden keine Daten in dieses öffentliche System. Doch auch die Bewegung der Aufklärungsflugzeuge, Transporter und Tanker ist interessant. Vor einigen Tagen landete mehrere große C-17 Frachtflugzeuge hintereinander. Die Frage, was damit ins Krisengebiet transportiert wurde, beschäftigte die Community. Vor Ort war die Frage jedoch schnell geklärt und die Antwort ernüchternd: „Amazon Pakete, und Flipflops“. Gemeint war: Post der Soldaten, die sich seit Weihnachten aufgrund eines logistischen Engpasses stapelten. 

Auch diese Ungewissheit aus der Ferne verleitet Journalisten dazu, länger vor Ort zu gehen und umfangreich zu recherchieren. Kontakte aufbauen und reaktivieren braucht Zeit. „Parachute Journalisten“ werden gerne zur Verbreitung akuter Meldungen genutzt, aber sind nicht wirklich willkommen. Gemeint ist damit ein Journalist, welcher sinnbildlich im Vorbeiflug mit dem Fallschirm abspringt, zum Flughafen rennt, dabei Fotos und Interviews macht und sich zum nächsten Krisenherd fliegen lässt. Ist man länger vor Ort, erhält man die Einladungen zu einem Abend auf der Couch, kann die Ausrüstung genauer sehen, oder bekommt dezente Hinweise wann und wo man doch mal zufällig auftauchen sollte. 

Kaum Uniformen 

Auf einer großen und bequemen Couch warte ich beim ortstypischen Schwarztee mit Zucker auf meine Gesprächspartner. Der General trifft mit seiner Entourage ein. Niemand trägt Uniform, alle sprechen englisch, niemand salutiert, alle sprechen sich mir Vornamen an. Hier eine Hierarchie auszumachen ist kaum möglich. Auf der anderen Seite scheint es derzeit auch keine Rolle zu spielen. Der General und ich kennen uns von vergangen Treffen. Wir hatten nicht mitbekommen, dass der jeweils andere gerade in Erbil ist – das mag überraschend klingen, aber so etwas passiert häufiger, als man denkt. Alle Beteiligten müssen einfach zu viele Menschen aus ihrem Bereich im Blick behalten, ab und zu übersieht man etwas. Sein Begleitkommando besteht aus mehreren Nationen, die Zusammenarbeit funktioniert völlig problemlos.

Die Elitesoldaten sehen nicht aus, wie im Actionfilm. Sportlich, aber nicht auffällig muskulös. Keine Preisboxer Statue, keine uniformen Frisuren, nicht mal die gleichen Schuhe. Sie könnten in Berlin in einem Café sitzen, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aufmerksamkeit erzeugt eher der Konvoi, in dem sie fahren. Die Fahrzeuge sind so dezent, wie möglich. Aber es bleiben große, gepanzerte Militärfahrzeuge. Damit kann man sich nicht ungesehen bewegen. „Du hast es da einfacher“, sagt einer der Soldaten und deutet auf meinen Toyota Geländewagen. Toyota Hilux, Landcruiser und Prado machen gefühlt 25% aller Fahrzeuge auf der Straße aus. „Aber wir fallen so oder so auf. Dann wollen wir lieber den Schutz mitnehmen“, erklärt er weiter.

Iranisch-Shiitische Milizen

Flagge der shiitischen Milizen in Mossul

Doch der Angriff auf diesen Luftwaffenstützpunkt erfolgte nicht durch den IS, sondern durch das schiitische Milizennetzwerk des Iran. Dieses Milizen-Netzwerk bestehen inzwischen aus mehr als 70.000 Mann. Es wird „Popular mobilization forces“ („Volksverteidigungseinheiten“, PMU) oder Hashd al Shabii genannt. Der irakische Staat gilt als schwach, die Regierung schafft es nicht, das Volk zu einen und genießt seit mehr als 100 Jahren kein großes Vertrauen. Daher ist es für solche Gruppen einfacher, durch starkes und zuverlässiges Auftreten für sich zu werben. Dazu kommt die Unterstützung des Iran, welcher bei vielen Irakern beliebt ist, weil er sich immer wieder mit denunbeliebten Amerikanern anlegt. Andere Iraker ziehen in die sichere Autonome Region Kurdistan oder verbringen dort ihren Urlaub. In den großen, gut gesicherten Hotels trifft man auch überraschend oft Botschafter samt Entourage, welche eigentlich in Bagdad sitzen sollten. Diese haben immer wieder ausschweifende Termine im sicheren Erbil. Auch mal mehrere Wochen.

Der Iran steuert das Milizen-Netzwerk, baut einzelne Gruppen auf und lässt andere wieder fallen. Keine Gruppe soll zu mächtig werden, kein kleiner Warlord soll so groß werden, dass er sich vom Iran trennen kann. Zuständig für die Verwaltung und Führung aller iran-gesteuerten Kräfte im Ausland war Qasem Soleimani, welcher am 3. Januar 2020 durch eine US-Luftschlag getötet wurde. Der Iran hat aber auch großen Einfluss auf die irakische Politik. Es wird vermutet, dass ein Drittel der Ebene, welche unseren Staatssekretären entspricht, direkt oder indirekt vom Iran gesteuert wird. Ebenso groß soll der Anteil von Polizei und Militär sein, auf den der Iran signifikanten Einfluss ausüben kann. Die irakische Millionenstadt Mossul steht seit Jahren unter der defacto Verwaltung der iranischen Machthaber. Davon konnte ich mich vor einem Jahr selber vor Ort Überzeugen. Mossul ist eigentlich seit langer Zeit für Journalisten und NGOs unzugänglich. Als die irakische Armee 2019 darum bat, die Stadt nun wieder selber kontrollieren zu dürfen, wurde kurzerhand die Zufahrt zur Stadt durch einen Bulldozer mit einem Erdwall versperrt. Am östlich Checkpoint der Stadt stehen keine irakischen Soldaten, aber in der zweiten Reihe stehen lokale, irakische Polizisten, welche ihre Aufgaben weiter wahrnehmen. 

Dass diese Milizen ihre Raketen aus nur acht Kilometern Entfernung auf den US.Stützpunk abfeuern konnten, war ein Schock für die Sicherheitsbehörden. Die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak gilt als extrem sicher. Selbst als der IS von 2014 bis 2016 nur 75 km entfernt in Mossul regierte, konnte man in Erbil in den Cafés sitzen oder die Freizeitparks besuchen. 

Nun sieht sich die Koalition also auch vermehrt diesem Feind gegenüber. Da sich die „Hashd“ im Rest-Irak frei bewegen kann, also im Süden und im Westen, kreist sie Kurdistan-Irak zunehmend ein. In Shingal, im Nordwesten des Irak, wurden in der vergangenen Woche mehrere tausend Mann zusammengezogen. Hier können sie die Nachschubroute der Koalition zwischen dem Irak und Syrien beobachten.

Es wird auch vermutet, dass die Milizen bald einzelne kurdisch-irakische Grenzposten angreifen werden – wie die südlich von Erbil gelegene Stadt Kirkuk.

Wichtige Arbeit?

Spanische Soldaten bei einer Übung

Die Aufgaben der Koalition, zusammen mit den Peshmerga für Stabilität in der Autonomen Region Kurdistan und mit der irakischen Armee im Rest-Irak zu sorgen, sind an sich die gleichen geblieben, aber zum bisherigen Feind IS kamen nun die Schiitische Milizen dazu. Die Koalition bildet aus, sammelt Informationen und teilt diese und hat inzwischen, je nach Angaben, 25.000-50.000 IS Terroristen getötet. Damit haben sie dem auf dem Landweg erreichbaren Europa einen großen Dienst erwiesen. Tote Terroristen können sich nicht mehr auf den Weg machen, viele lebendige wurden aufgrund der Informationen gefasst, bevor schlimmeres geschehen konnte. Terroristen versteckten sich immer wieder im Treck der Flüchtlinge, also bei den Leuten, die vor ihnen fliehen. Später ging man dazu über, lokale Terroristen in Europa auszubilden.

Doch die deutschen Behörden sind zurückhaltend mit dem Lob der Alliierten. Die Kurden loben die Amerikaner offen, wissen aber auch, dass diese sie immer wieder verlassen haben. Derzeit würde man sich aber mehr Reaktion auf die Angriffe wünschen. Ein Mitarbeiter des Pentagon erklärt mir, dass man derzeit kein Interesse daran habe. Einen Krieg mit dem Iran wegen einiger kleiner Raketen zu starten stehe in keinem Verhältnis zu den Folgen. Eine andere Frage wäre, wer den Krieg zahlen solle. Schon jetzt profitieren in erster Linie die Kurden und die EU-Staaten von dem Einsatz. Doch beide wollen bzw. können sich an den Kosten nicht beteiligen. In Deutschland kommt eine generelle Ablehnung der US-Agenda dazu. Diese kategorische Ablehnung führt teilweise zu bizarren Forderungen bei deutschen Abgeordneten.

Screenshot der Facebookseite

So forderte die Linke Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz, dass man sich mit den Kurden im Syrien solidarisieren, aber die US Unterstützung ablehnen solle. Damit wären die Kurden in Syrien verloren gewesen, da sie keine Verbündeten mehr gehabt hätten. 

Zukunft der Koalition

US Soldaten beladen Fahrzeuge

Die Zukunft der Koalition steht auf der Kippe. Die Arbeit ist für die internationale Gemeinschaft und vor allem für die Kurden vor Ort wichtig. Der Einsatz vor Ort läuft gut. Es gibt keine Probleme mit der lokalen Bevölkerung, man sieht keine Soldaten auf der Straße, die Militärkonvois fahren in den frühen Morgenstunden, die Airbase stört den Alltag nicht. Dennoch ist das Image des Einsatzes im Westen schlecht oder gar nicht vorhanden und niemand möchte sich an den Kosten beteiligen. Die Spannung zwischen USA und dem Iran sowie der kurdischen Regionalregierung und der Zentralregierung in Bagdad sind auf einem Hochpunkt. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie belastbar die Koalition ist und ob sich der Einsatz in Zukunft signifikant verändert – in die eine oder andere Richtung. 

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