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Alltag der Kriegsberichterstatter

Als Kriegsberichterstatter erhält man die „besten“ Tipps von Menschen, die selber nie in Kriegs- und Krisengebieten waren. Vor allem, im Social Media Zeitalter. Zeit, mal ein paar der Entscheidungen zu erklären.

Gepanzerter Mercedes, gepanzerter Land Cruiser

Am Anfang steht die Frage, ob und warum die verschiedenen Menschen eigentlich in ein Kriegsgebiet gehen sollten. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Meist geht es darum, aus diesen Gebiet zu berichten, dort zu helfen oder dort Geld zu verdienen. Teilweise auch überlappend. Dabei ist die Vorstellung vieler Westeuropäer weit weg von der Realität.

So trafen wir an der Grenze in Lviv Deutsche, welche am Übergang eine schusssichere Weste und einen Helm anzogen, da sie ja nun im Krieg seien. Fünf Meter zuvor, auf der polnischen Seite, fühlten sie sich noch sicher. Bis zur nächsten „Hot Zone“, also einem Bereich, in dem tatsächlich Kampfhandlungen stattfinden, sind es rund 1.000 Kilometer. Das entspricht der Distanz von Frankfurt am Main nach Spanien. 

Und es kommt sehr auf die Art des Krieges an. Wer setzt welche Waffen warum gegen wen ein?

Wenn dieses Thema beginnt, wird man oft schnell als „Waffennarr“ abgestempelt. Leute werten es als bizarres Fachwissen ab, dabei ist es die Grundlage jeder Entscheidung in einem solchen Gebiet: Setzt das Gegenüber Flächenbombardements ein, wie im Zweiten Weltkrieg? Oder vor allem Artillerie, wie im Ersten? Oder geht es um eine Menge Terroristen mit tragbaren Waffen, wie beim Islamischen Staat? Der IS konnte nur auf wenige Kilometer direkten Schaden anrichten und bewegte sich nur langsam vorwärts. Bei den Angriffe der Hamas in Israel geht es gar nicht um Gebietsgewinne. Im Irakkrieg 2003 konnten die Tarnkappenbomber überall zuschlagen.

Wovor will man sich wie schützen? Ein Argument in der Ukraine ist, dass die russische Armee auch Raketen einsetzt, welche alle Orte überraschend treffen können. Das stimmt, doch hilft einem im Fall eines Marschflugkörpers eine schusssichere Weste? Nun, es kommt drauf an. Und das alles zu erklären, könnte einen Moment dauern.

Kriegsgebiete an sich

Lviv im März 2022

Der eigentliche Krieg ist für einen selbst, oft auf nur wenigen Kilometern, begrenzt gefährlich. Üblicherweise in der Reichweite eines Gewehres (ein Kilometer) oder eines Panzers (fünf Kilometer), ganz selten in der Reichweite von Artillerie (zwanzig Kilometer).

Fände also in Potsdam ein Krieg statt, wäre man am Alexanderplatz in Berlin in vielen Fällen sicher. Vor Marschflugkörpern und ähnlichem ist man nirgends „richtig“ sicher, da diese hunderte bis tausende Kilometer Reichweite haben. Diese sind jedoch so teuer, dass sie immer nur mit „gutem“ Grund eingesetzt werden: Sie werden üblicherweise auf wichtige militärische Ziele geschossen, und nur sehr selten, um Terror zu verbreiten.  

Ukrainische Soldaten nahe der Front

Das erklärt auch, warum Kriegsberichterstatter, eine Woche nach dem Abzug der russischen Truppen um Kyiv, mit dem Flixbus bis Kyiv fahren und von dort berichten konnten. Die Hotels, Cafés und Geschäfte hatten wieder auf. Züge und Busse fuhren. Das Leben geht direkt weiter. Nur die Front bewegt sich. Man kann selbst an den kleinen Kaffeebuden in der Ukraine per Handy oder Kreditkarte bezahlen und in den Geschäften gibt es alles zu kaufen. Einen Mangel an Benzin gab es etwa zwei Wochen lang, seitdem ist auch dieses Problem behoben.

Nähert man sich der Front, so ändert sich das nicht sofort. Selbst in der Stadt Kharkiv, die seit Monaten nahezu täglich angegriffen wird, hat der Streetfood Market geöffnet und Menschen sitzen im Park. Die Stadt ist nur leerer als vor dem Krieg.

Fahrzeuge wählen

Gepanzerte G-Klasse, mit 30 Jahren Kriegserfahrung

Ob ein gepanzertes Fahrzeug wirklich sicher ist oder nicht, können einem selbst viele Einkäufer und Nutzer nicht sagen. Sie meinen es, doch die wenigsten kennen sich mit Ballistik, Produktion und Zertifizierung aus. Sehr häufig trifft man selbst in der Sicherheitsbranche auf „Experten“ welche einem ein Fahrzeug in der Schutzklasse „B6“ empfehlen – es gibt keine Fahrzeugschutzklasse B6. Das ist ein Materialtest.

Man kann den Unterschied einfach erklären: Wenn man zu einem Handwerker geht und ihm sagt „ich hätte gerne ein regenfestes Dach“ und er zeigt auf Dachziegel, verbaut diese und es regnet trotzdem rein, dann kann er sagen „aber die einzelnen Ziegel haben einen Materialtest, welcher sagt, dass sie regenfest sind.“ Der Kunde wird sagen: „Aber das Dach hat Löcher! Das Dach als Ganzes ist doch nicht regenfest zertifiziert worden!“.

B6 bei Stahl bedeutet, dass dieser im Labor drei Schüsse aus einer bestimmten Waffe gehalten hat. Ein B6 Fahrzeug kann Lücken in der Panzerung haben, ein ungeeignetes Fahrwerk und schlechte Bremsen. Dennoch meinen die Kunden, das Fahrzeug sei „zertifiziert“, da sie ja ein „Zertifikat“ für die unverarbeitete Stahlplatte erhalten haben. 

Vor einiger Zeit sahen wir uns das gepanzerte Fahrzeug einer befreundeten Redaktion an, das sie gerade für einen sechsstelligen Betrag gekauft hatten. Der Zustand war so jämmerlich, dass es nicht mal den ukrainischen Richtlinien entsprochen hat. Sie nutzten es nicht weiter – jedoch nahm der Verkäufer es nicht zurück, da es vertragsgemäß geliefert wurde. Wie in einem älteren Artikel im Detail erklärt, ist das Thema kompliziert.

ASC LandCruiser 300 nach der VR7 Zertifizierung
ASC LandCruiser 300 nach der VR7-Zertifizierung: Alle Insassen würden noch leben

Wir setzen daher auf unabhängig zertifizierte gepanzerte Fahrzeuge in hohen Schutzklassen (VR7 oder VR9) oder auf Fahrzeuge von zuverlässigen Konstrukteuren. Diese brauchen wir aber in erster Linie an der Front, nicht um ins Land und nach Kyiv zu kommen. Dafür benutzen wir regelmäßig einen ungepanzerten Dacia.

Man muss also seine Gefahrenquellen kennen und die Risiken bewerten können. Eines der gepanzerten Fahrzeuge vor Ort ist eine Mercedes G-Klasse, welche schon in den 90ern in Bosnien im Einsatz war und in der Video-Dokumentation „Bulletproof Salesman“ 2003 in Baghdad zu sehen ist. Der Wagen wurde regelmäßig gewartet und ist technisch im guten Zustand.  Er ist gut im Handling, springt immer an, ist hart im Nehmen und absolut geländegängig.

Wenn man das Fahrzeug selber bewerten kann, ist dieser Wagen genau das richtige für die Front im Donbas. Andere Nutzer gepanzerter Fahrzeuge entscheiden nach Kriterien wie: „Ich nehme immer das Auto mit Bluetooth Radio. Mit der Panzerung kenne ich mich nicht so aus.“ Wenn es nicht um das Leben der Menschen ginge, wären viele der Gespräche sehr unterhaltsam.

Fahrertraining in der Wüste
Aufbau für verschiedene Übungen beim Fahrertraining

Bei uns haben alle umfangreiche Fahrertrainings mit gepanzerten Fahrzeugen absolviert und frischen diese regelmäßig auf. Alle fahren regelmäßig selber in Kriegsgebiete. Alle haben den passenden Führerschein für die Fahrzeuge. Auch in der Ukraine benötigt man für viele der Fahrzeuge einen LKW Führerschein. Der LandCruiser in der Schutzklasse VR9 wiegt mehr als sechs Tonnen. Auch hier hörten wir immer wieder „Das ist aber schwer. Da ist unser gepanzerter Wagen besser. Der ist fast zwei Tonnen leichter!“

Nun, da sollte man mal drüber nachdenken, warum die Panzerung so leicht ist. Und warum das Auto nie zertifiziert wurde. All das schafft einen hohen Grad an Sicherheit.

Equipment packen

Equipment fürs Kriegsgebiet

Für ein Kriegsgebiet zu packen ist nicht viel anders, als für einen Urlaub: Je nach Gegend braucht man verschiedene Arten von (Schutz-)Kleidung und unterschiedliche Ausrüstung. Wird es warm? Kalt? Sitzt man eher in klimatisierten Gebäuden oder im Zelt? Wo gedenkt man lang zu laufen? Doch schon bei der obligatorischen schusssicheren Weste und dem Helm geht es los: Was genau erwartet man? Scharfschützen, Schrapnelle, Sturmgewehre oder Bomben?

In der Ukraine sind das größte Risiko Schrapnelle der Artillerie. Tatsächlich von einem russischen Soldaten beschossen zu werden ist derzeit sehr unwahrscheinlich, da man kaum in Schussweite (weniger als einen Kilometer) an diese heran kommt. Also brauchte man eine Weste mit möglichst gutem Splitterschutz. Im März war das noch anders. Da konnte man rund um Kyiv auf welche treffen und brauchte Schutz gegen die Projektile der russischen Sturmgewehre.

Der Unterschied ist ziemlich wichtig. Trägt man eine zu schwere oder unbequeme Weste, so neigt man dazu, diese schnell wieder auszuziehen. Daher tragen wir meist moderne und leichte Westen mit Kunststoffplatten und einer zusätzlichen Lage, welche für Splitterschutz optimiert wurde und auch die Seiten schützt.

Bei den Helmen trifft man auf das gleiche Problem: Möchte man den AK47-sicheren schweren Helm nehmen? Oder den Normalen, welcher nur gegen kleinere Kaliber und herunterfallende Teile schützt? Mit einem ballistischen Schutz für das Gesicht (Visier und Kiefer) oder ohne? Im Laufe der Zeit hat man mehrere Helme und Westen und muss vor der Abreise genau abwägen. 

Doch gehört heute weit mehr zum Schutz: Man sollte wissen, wie man evakuiert und wie man seine Kommunikation aufrecht hält. Im Laufe der Zeit haben wir uns es abgewöhnt, uns auf die Evakuierungsliste der Bundesregierung setzen zu lassen. Die Erfahrung zeigt, dass man selber oder mit den Amerikanern schneller und einfacher raus kommt, als auf das EEintreffen der Deutschen zu warten.

So wurde auch das deutsche Botschaftspersonal von den Amerikanern aus Kabul evakuiert, bevor die deutschen Flugzeuge auf dem Weg dorthin waren. Daher planen wir unsere Evakuierung selber und bringen Fahrzeuge, Kraftstoff, Essen, Geld und weiteres in ausreichender Menge mit. Unsere Position melden wir mit Satellitentrackern, welche an der Kleidung getragen werden. Für den Notfall haben wir Satelliteninternet und Batterien.

Die wichtigste Ausrüstung sollte jedoch selber getragen werden können. Weste und Helm kann man anziehen, im Rucksack befindet sich die Gasmaske, Essen, Wasser, Powerbank, Satellitentracker, Verbandsmaterial für Kriegsgebiete sowie Kleidung zum wechseln.  

Alltag

Fahren und Fotografieren (Hier: Kurdistan-Irak)

Wie sieht dann unser Alltag aus? Vor allem ist er langweiliger und monotoner, als viele erwarten. Gerade, wenn wir in ein anderes Gebiet fahren, ist der Tag lang: 7:00 Uhr aufstehen, Sport machen, da man dann den ganzen Tag sitzt. 08:00 Uhr losfahren, dann acht-zehn Stunden fahren. Dabei muss man gerade mit den schweren Fahrzeugen sehr aufmerksam sein, da die Straßen oft schlecht sind. Die Schlaglöcher in der Ostukraine sind so schlimm, dass die Handys aus der Halterung fallen. Aber wir reden nicht von einem einzigen Schlagloch, sondern von Schlaglöchern zwei bis drei Stunden am Stück. Fährt man langsamer, dauert es länger. Fährt man schneller, wird man durchgeschüttelt.

Am Abend erreicht man dann den gewünschten Ort, muss sich um eine Unterkunft und etwas zu Essen kümmern und die Leute treffen, mit denen man sprechen möchte. Meist beginnt gegen 22:00 oder 23:00 Uhr die Ausgangssperre. Dann ist Zeit, die aufgelaufenen E-Mails des Tages zu bearbeiten und mit der Familie zu Hause zu sprechen. Danach hat man Freizeit, fällt aber meist nur noch müde ins Bett. 

Auf dem eigenen Social Media Profil sieht es dann immer so aus, als würde man durch schöne Landschaften fahren, immer in Cafés und Restaurants sitzen und ab und zu mal etwas Schreiben. 

Doch auch das Schreiben ist schwierig: Was, wenn man zum dritten Mal in einem Ort ist, in dem die Lage so ist, wie die Male davor? Die Lage ändert sich nicht dauernd und den Menschen in Deutschland zu erklären, warum eine vermeintlich gleich aussehender Ort in vermeintlich gleicher Lage ganz anders ist, gelingt oft nicht.

In Kyiv saßen wir vor kurzem in eine Bar neben zwei Ukrainerinnen, welche vor dem Krieg geflohen waren und zurückgekehrt sind. Über ihre interessante Reise verfasste ich einen kurzen Artikel. Doch auch solche Geschichten kann man nicht jeden Tag bringen. Irgendwann scheinen sie sich aus Sicht der Leserinnen und Leser zu ähneln und bringen keinen Erkenntnisgewinn mehr. Häufig beschreibe ich auch den Alltag hinter den Kulissen, andere Kollegen spezialisieren sich auf die Einzelschicksale, wieder andere auf politische Berichterstattung. 

Großes oder kleines Team?

Ein kleines Team passt in ein Auto. (Fidelis Cloer und Leo Prinsloo)

Jeff Bezos hat gesagt: „Wenn du dein Team nicht mit zwei Pizzas satt bekommst, ist es zu groß“. Dieser Regel folgen wir auch. Und alle sollten mit dem wichtigsten Gepäck ins kleinste Fahrzeug passen, falls wir eines verlieren. Andere Teams um uns herum bestehen aus Fahrer, Sicherheitsberater, Medic – dann ist das erste Auto fast voll und man braucht den nächsten Fahrer, um die eigentlichen Leute zu fahren.

Wir sind alle selber als Fahrer, Security Advisor und die Notversorgung von Verletzten ausgebildet. Das hält das Team klein und die Absprachen einfach. Meist sind wir nur zu zweit. Da kann man im Notfall auf einer Couch unterkommen – was tatsächlich mal in Kabul der Fall war.

Große Organisationen brauchen oft große Teams, um alle ihre Versicherungsauflagen zu erfüllen. Ich glaube, ob wir hier versichert sind, ist unklar. Aber wogegen soll man sich versichern? Wenn man tot ist, ist relativ egal, ob eine Versicherung ein Stück Papier mit deinem Namen drauf im Schrank hat. Wenn ein Auto abgeschossen wird, sind diese Schäden sowieso nicht versicherbar. 

Warum tut man das?

Fotos sortieren (Hongkong, 2019)

Eine häufige Frage ist „Warum tut man sich das an?“ – eigentlich tut man sich da Nichts an. Man tut etwas. Man tut es, weil man neugierig ist, weil man die Welt verstehen will und weil man anderen erklären möchte, wie die Welt funktioniert.

In diesem Übermedien-Interview erklärte ich bereits, wie ich dazu kam. Meine Berichte über die Leichen vor Bucha erreichten viele Menschen, die sich den Krieg bis dahin nicht vorstellen konnten. In Ausstellungen im Berlin Story Bunker fließen Teile der Konfliktforschung und der Berichte ein. Ich kann den Opfern eine Stimme geben und ihre Geschichten aus dem Kriegsgebiet in die Wohnzimmer in Deutschland bringen. Und das ist es am Ende wert. 

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