• 4. Dezember 2020 9:46

Letzter Späti vor Mossul

Nov 8, 2020 , , ,

Wenn die Sonne am frühen Abend über dem Lake Mossul untergeht, strahlt der Himmel in allen rosaroten Farbnuancen. Im Wasser spiegeln sich die Hügel auf der anderen Seite. Dort stehen keine Häuser. Welche Gebiete der Lake Mossul im Norden des Irak teilt, ist gar nicht so einfach zu sagen. Nördlich und östlich liegt die Autonome Region Kurdistan. Im Süden kommt Mossul, welches derzeit unter der Kontrolle der shiitischen Milizen steht, welche von der iranischen Regierung koordiniert werden. Die Staumauer zwischen beiden Gebieten wurde lange von der italienischen Armee geschützt, da italienische Ingenieure für die Sicherheit des Staudammes zuständig waren. Im Westen kommt viel Sand und irgendwann Damaskus. Dazwischen liegen die Grenzen von Staaten, Administrationen und kleinere Orte.  

Auf der kurdischen Uferseite liegen ein paar kleine Orte, die den Weg bis zur Großstadt Dohuk füllen. In den Orten wohnen vor allem Jesiden. Diese religiöse Minderheit lebt hier seit rund siebentausend Jahren. Das größere Siedlungsgebiet war lange Shingal (Sindschar), welches hundert Kilometer weiter im Südwesten liegt. Dieses Gebiet wurde am 03. August 2014 vom IS überrannt und zehntausende Jesiden wurden ermordet oder als Sexsklaven verschleppt. Daher wohnen weitere 100.000 von ihnen in den Camps rund um Dohuk. 

Die Orte bestehen in erster Linie aus Einfamilienhäusern. Durchaus mal 200-300qm groß, gepflegt, mit einem großen Wohnzimmer in dem man mit der weiteren Verwandtschaft einen Abend verbringen kann. Die Menschen hier sind dankbar für das, was sie haben – egal ob es viel oder wenig ist. 

Doch eins fällt auf: Es gibt hier pro Einwohner mehr Spätis (Kioske), als in Kreuzberg. Was also hat es damit auf sich?

Warum so viele Spätis?

Um das zu verstehen muss man in der Geschichte der Region ein Stück zurück gehen: Die Autonome Region Kurdistan ist kein souveräner Staat, aber mehr, als ein normales Bundesland. Die Region verfügt über ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung, hält eigene Wahlen ab und verfügt über eigene Polizei, Militär und Gesetze. Somit gilt zum Beispiel das strikte irakische Verbot von Alkohol und Miniröcken nicht in Kurdistan. Auf den Straßen gibt es „Checkpoints“ zwischen beiden Gebieten, an welchen sich die kurdische und irakische Armee gegenübersteht und die Fahrzeuge kontrolliert. Doch in weiten Teilen des Landes gibt es eine offene Grenze. So bildet auch der Lake Mossul eine eingangs erwähnte Grenze zwischen den verschiedenen Verwaltungen. So kann diesseits des Sees problemlos Alkohol verkauft werden. 

Während der Großteil der muslimischen Bevölkerung keinen Alkohol trinkt, ist er bei den anderen Religionen durchaus üblich. Man bekommt Alkohol auch in den Restaurants und Biergarten in der Hauptstadt Erbil und in vielen Orten in wenigen kleinen Läden, die etwas versteckt sind und die doch jeder kennt. Etwa, wie Sex-Shops in Deutschland.

Hier, am Lake Mossul, gibt es unmengen Spätis. Diese haben aber nicht nur billiges Bier und eine Flasche Korn, sondern eine große Auswahl. In den 10-30qm großen Läden findet man von Tannenzäpfle, Corona Extra, Moët und Rioja alles, bis hin zu Finlandia Wodka. In den Kühlschränken und Regalen stehen die verschiedenen Marken dicht an dicht. Aber immer nur ein paar Flaschen. Wie können sich so viele Läden mit dem gleichen Angebot halten? 

Die wenigsten Kunden kaufen ihre Ware direkt aus dem Regal. Das machen die jüngeren Anwohner, ein paar verirrte Touristen und die NGO Mitarbeiter aus den Camps. In erster Linie dienen diese Läden als Showroom. Man sieht das Angebot und bestellt die Ware flaschenweise oder kistenweise auf die andere Seite des Sees, in den Irak. Doch wie kommt die Ware dahin?

Tagsüber ist der Lake Mossul ruhig. Wenige Fischer fahren mit ihren kleinen Booten von beiden Seiten des Ufers über den gesamten See. Die Anwohner kennen sie. Sobald Fremde kommen, werden diese genau beobachtet. Auf unserem Fahrzeug befinden sich große „PRESS“ Schilder, wodurch man zwar ein Auge auf uns wirft, aber grundsätzlich nichts gegen unsere Anwesenheit hat.

Sonnenuntergang am Lake Mossul

Wenn es dunkel wird, kommen die Toyota Pickups mit den fertigen Kisten an den Strand. Wie bei jedem anderen Logistikunternehmen sind die Pakete mit Scan-Codes und Empfänger versehen. Bei der Übergabe werden die Pakete bereits grob nach Empfängern sortiert. Einige kauft der Transporteur selber auf Vorrat. In den schmalen Booten geht es in wenigen Minuten über den See. Auf der anderen Seit befinden sich die weiten Ebenen der Nineveh-Provinz. Diese lückenlos zu überwachen ist kaum möglich und das Interesse daran ist gering. Der Irak hat mit dem IS und schiitischen Milizen zu tun. Kleiner Grenzverkehr ist sein geringstes Problem.

Ab und zu tauchen die italienischen Soldaten auf der anderen Seite auf. Weder ist es ihre Aufgabe, Alkohol zu stoppen, noch interessiert es sie. Sie kommen für ein kurzes Gespräch, wollen wissen wie die Stimmung in der Bevölkerung ist und welche Routen im Irak derzeit frei sind und auf welchen „Ali Baba“ lauert. Der Name des berühmt-berüchtigten Räubers aus den Geschichten steht bis heute als Synonym für Strassendiebe. Die Italiener verabschieden sich und nehmen noch eine Flasche Wein aus ihrer Heimat mit. 

Der See wird manchmal von den US-geführten Alliierten Luftstreitkräften als Landmarke benutzt. Mal fliegt ein Blackhawk-Helikopter über einem her, mal ein Osprey, mal eine Drohne. Mit der aufwändigen Technik an board können die Alliierten genau sehen, was vor sich geht. Aber solange keine Waffen in diese Richtung wandern, ist es egal.

Mit dieser kurzen Überfahrt ist er eigentliche Teil des Schmuggels auch schon gelaufen. Nun werden die Pakete auf Pickups verladen und über mehrere Stationen ins gesamte Land verteilt. „Mossul ist am härtesten, weil da die Iraner aufpassen. Der irakischen Armee muss man nur … naja … ‚Zoll‘ zahlen“ erklärt einer der Zwischenhändler. Ein paar Flaschen Eigenbedarf bekommt man als Anwohner wohl nach Mossul, aber es wird drauf geachtet, dass dort kein Schwarzmarkt entsteht. Und auch dafür ist es sinnvoll, dass kleine Mengen durch kommen. So steigen die Preise vor Ort nicht so sehr, dass eine richtig kriminelle Schmuggler-Szene entsteht. 

In Kurdistan haben die Händler also gegen kein Gesetz verstossen und können ihr Geschäft weiter betreiben. Auf die rückständigen irakischen Gesetze blickt man hier eh herab. Auch wenn in Kurdistan weniger Alkohol getrunken und weniger Miniröcke getragen werden, als in Deutschland, so hält man doch viel von der individuellen Freiheit. 

Gutes Geschäft

Einige der Händler sind seit dem Erlass des irakischen Alkoholverbotes 2016 reich geworden. In den frühen Morgenstunden sind wir zurück uns besuchen einen jungen Mann in seiner Villa. Rund 400qm, alles teuer eingerichtet. In der Einfahrt stehen ein Chevrolet Camaro und ein Land Cruiser – jeweils in der Premiumausstattung. Wie viel er verdient hat, möchte er nicht genau sagen. Aber soviel verriet er: Seine Familie muss nicht mehr arbeiten und seine Kinder können problemlos in London studieren. Ich frage ihn, ob seine Arbeit ein Problem in der Community ist. „Nein. Alkohol ist hier an sich kein Problem. Wir haben hier keine Alkoholiker, niemand verprügelt betrunken die Familie. Das ist hier nicht wie in Deutschland. Aber an Betrunkene würden wir auch nicht verkaufen. Nicht an Jugendliche und nicht an Leute, die es sich nicht leisten können, die soziale Kontrolle funktioniert hier noch gar gut“. Ein Teil des Geldes spendet er regelmäßig für die Kinder der Camps. Davon werden medizinische Behandlungen bezahlt, oder Kleidung und Spielzeug gekauft.

Auf dem Dach seiner Villa erklärt er mir in Ruhe, wie alles funktioniert. Als die Sonne aufgeht, verabschiedet er mich mit den Worten „Ich muss mal die Kinder für die Schule wecken und du musst offensichtlich ins Bett. Aber wenn du mal in der Gegend bist und ein Sterni willst, meld dich“. Das Billigbier des Ostens – in der ganzen Welt bekannt.

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