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Zurück nach Shingal

Maryam ist Mitte zwanzig, trägt Make-up, Schuhe mit Absatz, ist Kunstlehrerin und hatte heute den letzten Arbeitstag an ihrer bisherigen Schule. Sie zieht nun zurück in ihre Heimat. Was nach einem normalen Tag an einer deutschen Schule klingt, hat einen ganz anderen Hintergrund: Maryam ist Jesidin und verlässt das Our Bridge Bildungszentrum in Kurdistan-Irak, um in ihre Heimat Shingal zurück zu kehren, aus welcher sie vor sieben Jahren vom IS vertrieben wurde.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 2014 überfielen die Terroristen des Islamischen Staates (IS) den kleinen Ort Shingal im Norden des Irak, den bis dahin kaum jemand auf der Welt kannte. Ziel des IS war es, die hier lebende religiöse Minderheit der Jesiden komplett auszulöschen. Die Männer wurden meist an Ort und Stelle ermordet oder so schwer verletzt, dass sie später qualvoll starben. Die jungen Mädchen und Frauen wurden als Sexsklavinnen verschleppt und teilweise für 20€ verkauft. Ältere Frauen wurden als Haushaltssklavinnen entführt. Viele der Mädchen und Frauen überlebten die Torturen der Terroristen nicht. Wer vor den Terroristen fliehen konnte, musste sich entscheiden: Das Schreien der Freunde und Familie beim Fliehen hören und ihnen nicht helfen oder umkehren und bei Versuch ihnen zu helfen selber ermordet werden? Alleine diese Entscheidung zu treffen und nicht helfen zu können, traumatisierte unzählige Menschen. Bis heute ist das Schicksal tausender Jesidinnen und Jesiden ungeklärt. Dazu kommen die vom IS verschleppten Säuglinge und Kinder, welche nach Jahren in Gefangenschaft frei kamen, aber nicht wissen, wer sie eigentlich sind.

Die kurdisch-irakischen Peschmerga standen an diesem Tag mit wenigen Soldaten auf verlorenem Posten und zogen sich weiter nach Norden zurück. Erst mit Hilfe der US-geführten Luftschläge und der deutschen Waffen kehrten sie nach Monaten zurück, um das Gebiet zu sichern. Die kurdisch-syrischen Kämpfer der YPG bahnten einen Fluchtkorridor nach Westen in ihr Gebiet und retteten so Zehntausenden das Leben. Tausende Jesiden saßen im Hochsommer im Shingal-Gebirge fest, welches vom IS umstellt war und verdursteten. Die kurdische Hilfsorganisation Rwanga stattete einen MI-8 Hubschrauber aus Sowjetzeiten mit Bordgeschützen aus und schoß sich den Weg zum Berg frei, um Wasser hin und Gestrandete zurück zu fliegen. Sie flogen, bis ihr Hubschrauber im IS Gebiet abstürzte. Helden, deren Geschichte im Westen nie ankam.

Auch Maryam musste fliehen und ihre Heimat verlassen. Wie viele andere Jesiden war ihr Ziel das 150 km entfernte Khanke, welches in einer Bilderbuchlandschaft am Lake Mossul, neben der kurdischen Stadt Dohuk liegt. Shingal wird von der Zentralregierung in Baghdad regiert, Khanke von der kurdischen Regionalregierung in Erbil. Seit Saddams Tod bekämpfen sich die Zentralregierung und die Regionalregierungen nur noch selten mit Waffen, aber das Verhältnis ist weiterhin angespannt. Die autonome Region Kurdistan im Norden des Irak hatte zu diesem Zeitpunkt eine Bevölkerung von fünf Millionen, dazu kamen bis 2015 rund zwei Millionen Flüchtlinge aus dem Rest-Irak sowie Syrien. In den Camps um die Großstadt Dohuk fanden hunderttausende Zuflucht. Zunächst in Zelten, später teilweise in kleinen Häusern. Die Camps Khanke und Sharyia waren zu der Zeit die beiden größten jesidischen „Städte“ weltweit.

Zur gleichen Zeit begann der damals 21-jährige Paruar Bako eine Reise von Oldenburg nach Khanke. Paruar musste selber als jesidisches Kleinkind aus dieser Gegend fliehen – damals vor Saddam. 

Paruar baute gegenüber dem Camp Khanke das Our Bridge Bildungszentrum auf, zu welchem damals noch ein Waisenhaus gehörte. In diesem wohnte lange ein Patchwork-Gemeinschaft aus (halb)Waisen und Witwen, welche sich umeinander kümmerten, bis sie in Frankreich aufgenommen wurden.

Die frühen Bilder des Bildungszentrums zeigen einen verlassenen Rohbau mitten im Nichts. Paruar Bako kam dort mit nicht mehr als einer Idee an. Schnell fand er viele helfende Hände, die mit ihm gemeinsam das Bildungszentrum entstehen liessen. Zu den ersten, die sich um die Kinder kümmerten, gehörte Maryam. Sie begann sofort den tristen Rohbau farbenfroh zu gestalten. Heute trägt jede Seite der Fassade und jeder Raum ihre Handschrift. Sie brachte den Kindern bei, sich über Kunst auszudrücken und förderte ihre Kreativität. Und das, während der IS noch auf der anderen Seite des Lake Mossul mordete. Im Bildungszentrum entstanden mehrere Klassen, in denen alle Fächer bis hin zu Umweltschutz unterrichtet wurden. Es wurden sanitäre Anlagen wie Duschen und Waschmaschinen aufgebaut, welche die Nachbarn nutzen konnten. Auf dem Gelände entstand ein großer Abenteuerspielplatz, ein Basketballfeld und ein Verkehrsübungsplatz, auf dem die Kinder Fahrradfahren lernen. Zwei Schulbusse holen die Kinder ab und bringen sie zurück. Seit 2019 verfügt das Bildungszentrum über eine Einhorn-Hüpfburg, welche zu besonderen Anlässen aufgebaut wird.

Die Arbeit im Bildungszentrum half allen Beteiligten auf vielfältige Weise. Bis heute wohnt ein großer Teil der Belegschaft und der Schülerinnen und Schüler im Khanke Flüchtlingscamp. Das farbenfrohe Bildungszentrum sorgt für Abwechslung. Alle haben hier Spaß und tun etwas Sinnvolles. Und alle haben wieder eine Aufgabe und ein Ziel.

Über die Jahre konnte ich bei den Besuchen sehen, wie sich das Projekt und die Menschen entwickelten. Anfangs waren alle schüchtern, vorsichtig und zurückhaltend. Die Männer trugen Hosen, die Frauen Röcke. Die Kinder waren ruhig. Bereits nach einem Jahr, war es eher ein bunter Haufen von fröhlichen Leuten. Die Männer hatten der Mode folgende Gelfrisuren, getrimmte Bärte und Skinny-Jeans, die Frauen trugen Schuhe mit Absatz, Hosen und Make-Up. Zur  Begrüssung wurde man von den Erwachsenen umarmt und von den Kindern eher belagert wie eine mittelalterliche Burg. Man hatte immer das Gefühl, gerade in eine fröhliche Feier zu platzen – aber  genauso  war inzwischen der Alltag.

Maryam half nicht nur den Kindern im Bildungszentrum, sondern arbeitete genau so mit denen im Flüchtlingscamp. „Wie die strahlende Sonne, wenn es regnet.“ beschrieb es eines der Kinder mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Heute war Maryams letzter Arbeitstag im Bildungszentrum. Nach sechseinhalb Jahren kehrt sie zurück in ihre Heimat und wird nun mit den Kindern in Shingal arbeiten. Kolleginnen, Kollegen und alle Kinder verabschieden sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Alle finden es schade, dass sie geht, aber alle freuen sich auch für sie, dass die zurück in ihr Heimat kann.

Der Wiederaufbau der völlig zerstörten Stadt geht nur schleppend voran, „aber irgendwer muss ja anfangen und die Stadt wieder bunter machen“ sagt sie und winkt zum Abschied.

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